Eine dunkle Wahlurne im harten Spotlicht, aus deren Einwurfschlitz sich ein sehr langer Kassenbon nach vorne aus dem Bild windet
AMEPRES Recherche22. August 202654 Min. Lesezeit

Wen macht Ihr Kreuz reicher? Die große Analyse zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026

Dieser Wahlcheck stellt gegenüber, was die Programme von AfD, CDU/CSU, SPD, Grünen und Linken für zwei vierköpfige Familien mit 40.000 und 400.000 Euro Jahresbrutto bedeuten würden – im Bund und in Sachsen-Anhalt. Er zeigt nicht nur, was am Ende auf dem…

Zwei Wochen vor der Wahl steht in Sachsen-Anhalt nicht mehr zur Debatte, wer vorn liegt. Zur Debatte steht, wer am Ende die Rechnung schreibt – und wer sie bezahlt.

Am 6. September 2026 wählt das Land einen neuen Landtag. Im gewichteten Mittel aller Institute liegt die AfD am 22. August 2026 bei rund 42 Prozent, die CDU bei rund 23 Prozent, Die Linke bei rund 13 Prozent, die SPD bei rund 6,5 Prozent. Grüne (rund 4,6 Prozent), BSW (rund 4,3 Prozent) und FDP (rund 2,9 Prozent) liegen unter oder auf der Fünfprozenthürde. Die drei jüngsten Einzelumfragen zeigen dasselbe Bild: pollytix vom 8. August 2026 (AfD 43, CDU 23, Linke 13, SPD 7, Grüne 5, BSW 4, FDP 2 Prozent), INSA vom 6. August (AfD 42, CDU 22, Linke 13, SPD 6, BSW 5, Grüne 4, FDP 4) und Infratest dimap vom 28. Juli (AfD 41, CDU 24, Linke 13, SPD 7, Grüne 5, BSW 4).

Aus diesen Zahlen folgt eine unbequeme Arithmetik. Eine absolute Mehrheit hat niemand. Ministerpräsident Sven Schulze (CDU), seit dem Rücktritt Reiner Haseloffs im Januar 2026 im Amt, schließt eine Koalition mit der AfD ebenso aus wie eine mit der Linken. Rechnerisch bleibt damit im Kern ein einziges Regierungsbündnis übrig – CDU, Linke und SPD –, und es kratzt in den heutigen Sitzprojektionen genau an der Mehrheitsgrenze.

Genau deshalb schaut dieser Wahlcheck zwei Wochen vor dem Wahltag nicht auf Programmsätze, sondern auf Kontoauszüge. Er rechnet durch, was die Programme für zwei konkrete Haushalte bedeuten würden: für eine vierköpfige Familie mit 40.000 Euro Brutto im Jahr und für eine vierköpfige Familie mit 400.000 Euro. Was bliebe am Monatsende? Wer zahlte? Und was geschieht mit einem Wahlversprechen, wenn aus dem Programm ein Koalitionsvertrag wird – aus hundert Prozent Papier also vielleicht dreißig Prozent Politik?

Eine Anmerkung zur Gewichtung, damit sie niemand für ein Urteil hält: Die Konstellationen sind in diesem Text unterschiedlich ausführlich behandelt. Das folgt nicht der Sympathie, sondern zwei nüchternen Kriterien. Erstens der rechnerischen Wahrscheinlichkeit – wo ein Bündnis nach den Umfragen möglich ist, lohnt die Detailrechnung. Zweitens der Eingriffstiefe – wo eine Partei Euro, EU, Zuwanderung oder Vermögensteuer grundsätzlich umbauen will, lohnt die Detailrechnung ebenfalls, weil die Folgen für beide Familien groß wären. Hinzu kommt die Quellenlage: Wo unabhängige Institute gerechnet haben, steht hier mehr als dort, wo nur Parteirechnungen vorliegen. Die Grundlagen sind für alle fünf Parteien dieselben – ZEW, DIW, OECD, ifo, IAB und die zuständigen Bundesministerien.

Verglichen werden AfD, CDU/CSU, SPD, Grüne und Die Linke. Für diese fünf liegen sowohl unabhängige Berechnungen der Bundesprogramme als auch beschlossene sachsen-anhaltische Landesprogramme für den 6. September 2026 vor. BSW und FDP bleiben in der Familienrechnung außen vor; beide liegen derzeit unter fünf Prozent. Wo ihre Werte über Mehrheiten entscheiden, steht es im Kapitel zu den Koalitionen.

Zehnmal so viel Einkommen. Dieselbe Zahl an Erwachsenen, dieselbe Zahl an Kindern, derselbe Gang zur Wahlurne.

Die erste Familie hat 40.000 Euro Brutto im Jahr. Zwei Erwachsene, zwei Kinder, zusammen rund 3.333 Euro Brutto im Monat. Die zweite Familie ist genauso groß, verfügt aber über 400.000 Euro Brutto im Jahr – rund 33.333 Euro im Monat.

Beide brauchen Schulen, Straßen, Krankenhäuser und eine funktionierende Verwaltung. Beide zahlen Steuern und Abgaben. Aber dasselbe Wahlprogramm kann für sie etwas völlig anderes bedeuten. Eine Steuersenkung, die der ersten Familie einige hundert Euro bringt, kann der zweiten viele tausend Euro ersparen. Eine Vermögensteuer kann die erste Familie überhaupt nicht treffen, während sie für die zweite relevant wird – allerdings nur dann, wenn zum hohen Einkommen auch ein entsprechend großes Vermögen kommt. Einkommen und Vermögen sind nicht dasselbe.

Dieser Wahlcheck fragt deshalb nicht, welche Partei das Wort „Familie" am häufigsten benutzt. Er fragt: Wer gewinnt? Wer zahlt? Welche Nebenwirkungen können entstehen? Und was passiert mit Arbeitsplätzen, Preisen, Investitionen, Krankenkassen, Renten und öffentlichen Leistungen, wenn aus einem Wahlversprechen tatsächlich Politik wird?

Infografik mit einer gemeinsamen Einkommensskala von 0 bis 400.000 Euro. Familie A steht bei 40.000 Euro, Familie B bei 400.000 Euro. Fünf Vergleichslinien markieren Median, Durchschnitt und Vollzeitdurchschnitt in Sachsen-Anhalt sowie die Beitragsbemessungsgrenzen 2026.
Zwei Familien, ein Wahltag: Zwischen beiden liegt der Faktor zehn – und alle Vergleichswerte des Landes liegen im untersten Fünftel der Skala.

Betrachtet werden die Programme der Alternative für Deutschland (AfD), der Christlich Demokratischen Union und ihrer bayerischen Schwesterpartei CSU (CDU/CSU), der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), von Bündnis 90/Die Grünen und der Linken. Sachsen-Anhalt und der Bund gehören dabei zusammen. Das Land entscheidet unter anderem über Kitas, Schulen, Nahverkehr, Krankenhausplanung und die Steuer beim Hauskauf. Der Bund entscheidet über Einkommensteuer, Kindergeld, Krankenversicherung, Rente, Vermögen, Erbschaften und Unternehmenssteuern.

Das ist keine Wahlempfehlung. Verglichen wird, was die Parteien selbst beschlossen haben und was unabhängige Fachleute daraus berechnet haben. Wo eine Wirkung sicher belegt ist, wird sie als solche benannt. Wo sie nur möglich oder wahrscheinlich ist, steht genau das dabei.

Die kurze Antwort: Linke, SPD und Grüne verteilen stärker von sehr hohen Einkommen und Vermögen nach unten. CDU/CSU und AfD senken Steuern auch für kleinere Einkommen, geben den größten Vorteil aber nach oben. Bei CDU/CSU und AfD wächst nach der Berechnung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) der Abstand zwischen niedrigen und hohen Einkommen. Das ZEW ist ein Wirtschaftsforschungsinstitut in Mannheim. Die andere Seite der Rechnung: Höhere Steuern auf Unternehmen und Vermögen können Investitionen, Standorte und Arbeitsplätze beeinflussen. Sehr große Steuersenkungen können umgekehrt Investitionen fördern – hinterlassen aber Finanzierungslücken, die durch Wachstum allein nach Einschätzung von Fachleuten nicht geschlossen werden.


Der erste Blick aufs Konto: Wer gewinnt sofort?

Die folgende Grafik stellt die 40.000-Euro-Familie der 400.000-Euro-Familie gegenüber. Links stehen die vom ZEW berechneten Beträge für eine vierköpfige Familie mit 40.000 Euro Brutto. Für 400.000 Euro wurden keine einheitlichen Parteibeträge veröffentlicht. Dort zeigt die Grafik deshalb nur die eindeutig belegbare Richtung.

Waagerechtes Balkendiagramm mit Nulllinie. Veränderung des verfügbaren Einkommens einer Familie mit 40.000 Euro Brutto: Die Linke plus 6.150 Euro, Grüne plus 870, SPD plus 860, CDU/CSU plus 300, AfD minus 440 Euro im Jahr.
Was der Familie mit 40.000 Euro bleibt: Vier Balken zeigen nach rechts, einer nach links. Quelle: ZEW-Gutachten, Februar 2025.

Ein Hinweis zur Rechengrundlage, bevor die Zahlen kommen: Das ZEW modelliert einen Alleinverdienerhaushalt mit zwei Kindern. Ein Erwachsener verdient, ein Erwachsener nicht. Verteilen sich dieselben 40.000 Euro auf zwei Gehälter, fallen die Beträge etwas anders aus. Die Größenordnung und vor allem die Rangfolge der Parteien ändern sich dadurch nicht.

Bei 40.000 Euro Brutto liegt Die Linke mit 6.150 Euro Entlastung im Jahr deutlich vorn. Das sind rund 512 Euro im Monat. SPD und Grüne folgen mit 860 beziehungsweise 870 Euro im Jahr – rund 72 Euro im Monat. Die CDU/CSU kommt auf 300 Euro im Jahr, also 25 Euro im Monat.

Bei der AfD steht in der ZEW-Rechnung ein Minus von 440 Euro im Jahr – 37 Euro im Monat. Das bedeutet nicht, dass die AfD eine neue Steuer von 440 Euro plant. Der Grund liegt beim Wohngeld, dem staatlichen Zuschuss zur Miete. Durch die geplante Steuersenkung würde das Einkommen steigen, das der Staat bei der Berechnung des Wohngeldes berücksichtigt. Nach den heutigen Regeln könnte der Mietzuschuss stärker sinken, als die Familie bei der Steuer spart.

Selbst die Forschenden des ZEW halten es für wahrscheinlich, dass eine Regierung diesen Effekt verhindern würde. Die 440 Euro sind deshalb kein sicherer Verlust. Sicher belegt ist aber die Richtung: Mit steigendem Einkommen wächst der Vorteil des AfD-Programms sehr stark.

Ein Vorbehalt gilt für diese Zahlen allerdings besonders, und er kommt aus der AfD selbst: Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hat im ZDF eingeräumt, dass das Programm seiner Partei nicht in der kommenden Wahlperiode umgesetzt werde. Das Kapitel zur AfD weiter unten führt das mit den Zitaten aus.

Schon bei 180.000 Euro Brutto errechnete das ZEW für die AfD eine Entlastung von 19.190 Euro im Jahr – 1.599 Euro im Monat. Bei CDU/CSU waren es 5.840 Euro im Jahr, also 487 Euro im Monat, bei der SPD 2.200 Euro und bei den Grünen 100 Euro. Bei der Linken hätte dieser Haushalt 800 Euro mehr bezahlt.

Damit steht die Rechnung, um die es in diesem Text geht, in zwei Zahlen: Dieselbe Partei nimmt der Durchschnittsfamilie 37 Euro im Monat und gibt Gutverdienenden 1.599. Zur Einordnung: 40.000 Euro Brutto sind in Sachsen-Anhalt kein Sonderfall, sondern der Normalfall – der Durchschnittsverdienst lag 2025 bei 41.163 Euro, der Median bei 38.553 Euro.

Für die 400.000-Euro-Familie wird diese Trennung noch deutlicher:

  • Bei AfD und CDU/CSU gewinnt sie durch niedrigere Steuersätze, den wegfallenden Solidaritätszuschlag und weitere Freibeträge.
  • Bei SPD und Grünen soll sie mehr beitragen, sobald hohe Einkommen, Kapitalerträge oder große Vermögen betroffen sind.
  • Bei der Linken wird sie am stärksten belastet. Ihr Bundestagswahlprogramm 2025 sieht ab 70.000 Euro zu versteuerndem Einkommen 53 Prozent vor, oberhalb von 260.533 Euro 60 Prozent und oberhalb einer Million Euro 75 Prozent. Wichtig: Diese Sätze würden nicht auf das gesamte Einkommen angewandt, sondern jeweils nur auf den Teil oberhalb der Grenze.

Der Solidaritätszuschlag ist eine zusätzliche Abgabe auf die Einkommen- und Unternehmensteuer. Die meisten Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen zahlen ihn heute nicht mehr. Wer ihn nicht zahlt, spart durch seine Abschaffung auch nichts. Deshalb kommt dieser Teil der Entlastung vor allem bei hohen Einkommen und Unternehmen an.

Damit ist der Grundkonflikt sichtbar. Linke, SPD und Grüne beginnen mit der Entlastung unten und holen einen Teil des Geldes oben zurück. CDU/CSU und AfD senken breiter – aber je höher das Einkommen, desto größer wird der Gewinn.

Steigungsdiagramm mit Nulllinie. Von 40.000 auf 180.000 Euro Bruttoeinkommen steigt die AfD-Linie von minus 440 auf plus 19.190 Euro, während die Linien-Linie von plus 6.150 auf minus 800 Euro fällt. Beide Linien kreuzen sich.
Wer gewinnt – und ab welchem Einkommen: An der Kreuzung dreht sich das Vorzeichen. Quelle: ZEW-Gutachten, Februar 2025.

Die soziale Schere: Wer bringt die Familien näher zusammen?

Die soziale Schere beschreibt den Abstand zwischen Menschen mit wenig und Menschen mit sehr viel Geld. Sie wird kleiner, wenn niedrige Einkommen stärker gewinnen als hohe. Sie wird größer, wenn der größte Vorteil oben ankommt.

Nach dem Programm der Linken würde dieser Abstand um 10,2 Prozent kleiner. Bei den Grünen sinkt er um vier Prozent, bei der SPD um drei Prozent. Bei CDU/CSU wächst er um 2,3 Prozent, bei der AfD um 2,7 Prozent.

In Alltagssprache bedeutet das:

  • Die 40.000-Euro-Familie rückt unter der Linken finanziell am stärksten an hohe Einkommen heran.
  • SPD und Grüne verkleinern den Abstand, aber deutlich vorsichtiger.
  • CDU/CSU und AfD entlasten zwar ebenfalls, doch die 400.000-Euro-Familie gewinnt wesentlich stärker. Der Abstand wächst.

Das sagt noch nichts darüber, ob die Wirtschaft später schneller oder langsamer wächst. Es beschreibt zunächst nur, wie Geld nach Steuern und staatlichen Leistungen verteilt wird. Genau deshalb muss der Blick jetzt weitergehen: Was lösen diese Änderungen in Unternehmen, auf dem Arbeitsmarkt und in der Staatskasse aus?


Eine Steuer verändert nicht nur das Konto – sie verändert Entscheidungen

Steuern haben mindestens vier Wirkungen gleichzeitig.

Erstens nehmen sie einem Haushalt oder Unternehmen Geld. Zweitens finanzieren sie Schulen, Straßen, Kliniken, Polizei, Gerichte, soziale Leistungen und Investitionen. Drittens verändern sie Verhalten: Menschen arbeiten, sparen, kaufen, erben oder investieren anders. Unternehmen können mehr investieren, weniger investieren, Gewinne verlagern oder einen Standort wechseln. Viertens wirkt die Verwendung des Geldes zurück auf die Wirtschaft. Eine sanierte Bahnstrecke, eine funktionierende Schule oder eine verlässliche Kita kann private Unternehmen produktiver machen.

Darum ist die einfache Gleichung „niedrigere Steuer gleich mehr Wachstum“ ebenso unvollständig wie die Gleichung „höhere Steuer gleich mehr Gerechtigkeit“. Beides kann stimmen. Beides kann aber an anderer Stelle Kosten verursachen.

Was zusätzliche 100 Euro bei beiden Familien auslösen können

Die 40.000-Euro-Familie wird einen zusätzlichen Teil ihres Einkommens wahrscheinlich für Lebensmittel, Kleidung, Energie, Mobilität oder eine offene Rechnung verwenden. Haushalte mit niedrigem Einkommen sparen im Durchschnitt einen kleineren Teil ihres Einkommens; manche geben sogar mehr aus, als monatlich hereinkommt. Zusätzliche Entlastung fließt deshalb vergleichsweise schnell in Geschäfte und Dienstleistungen zurück.

Die 400.000-Euro-Familie kann einen größeren Teil einer Entlastung sparen, anlegen oder zur Tilgung von Krediten verwenden. Auch das kann Investitionen finanzieren. Es stärkt aber die unmittelbare Nachfrage im örtlichen Handel meist weniger als dieselbe Summe bei einer Familie mit knappem Budget.

Das ist einer der wirtschaftlichen Gründe für Umverteilung nach unten: Sie kann kurzfristig den Konsum stützen. Der Gegenpunkt lautet: Wenn hohe Einkommen, Unternehmerinnen, Unternehmer oder Anlegerinnen und Anleger stärker belastet werden, steht ihnen weniger Geld für Investitionen, Beteiligungen oder Unternehmensgründungen zur Verfügung.

Welche Seite überwiegt, hängt nicht nur von der Höhe der Steuer ab. Entscheidend sind auch Konjunktur, Fachkräfte, Energiepreise, Bürokratie, Infrastruktur, Absatzmärkte und die genaue Gestaltung der Steuer.


Die Linke: Mehr Geld unten – aber ein harter Eingriff bei Unternehmen und Vermögen

Die Linke verfolgt den stärksten Umverteilungsansatz. Einkommen bis 16.800 Euro sollen steuerfrei bleiben. Sehr hohe Einkommen werden stärker belastet. Große Vermögen, große Erbschaften, hohe Unternehmensgewinne und Finanzgeschäfte sollen mehr Geld für den Staat bringen.

Für die 40.000-Euro-Familie ist das unmittelbar günstig. Sie profitiert von höheren Freibeträgen, höherem Kindergeld, einem höheren Mindestlohn, günstigerem Nahverkehr und stärkeren öffentlichen Leistungen.

Für die 400.000-Euro-Familie ist das Gegenteil wahrscheinlich. Sie zahlt mehr Einkommensteuer. Besitzt sie zusätzlich ein großes Wertpapierdepot, mehrere Immobilien oder Unternehmensanteile, können Vermögen- und Erbschaftsteuer hinzukommen.

Unternehmenssteuer: Wo die Gefahr von Abwanderung tatsächlich liegt

Die Linke will die Körperschaftsteuer von 15 auf 25 Prozent erhöhen. Die Körperschaftsteuer ist die Gewinnsteuer für Kapitalgesellschaften wie Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbH) und Aktiengesellschaften. Zusätzlich zahlen Unternehmen heute bereits Gewerbesteuer an ihre Kommune. Die gesamte Belastung liegt deshalb schon jetzt deutlich über 15 Prozent.

Eine höhere Gewinnsteuer senkt den Betrag, der nach Steuern im Unternehmen bleibt. Das kann vier Folgen haben:

1. Ein Unternehmen investiert weniger, weil sich eine neue Maschine oder ein neuer Standort nach Steuern weniger lohnt.

2. Ein internationaler Konzern verschiebt Gewinne in ein Land mit niedrigeren Steuern.

3. Ein Unternehmen verlagert tatsächlich Teile seiner Produktion oder neue Investitionen ins Ausland.

4. Eigentümerinnen und Eigentümer akzeptieren eine niedrigere Rendite, während der Betrieb und die Arbeitsplätze unverändert bleiben.

Welche Reaktion eintritt, lässt sich nicht pauschal vorhersagen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, meist nur OECD genannt, kommt in ihren Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass Unternehmenssteuern Investitions- und Standortentscheidungen beeinflussen. Das Kürzel stammt vom englischen Namen „Organisation for Economic Co-operation and Development“. In der OECD vergleichen zahlreiche Mitgliedstaaten ihre Wirtschafts-, Bildungs- und Sozialpolitik und erarbeiten gemeinsame Empfehlungen. Sie ist keine Partei und keine deutsche Behörde. Sie warnt zugleich davor, die Bedeutung der Steuerhöhe zu überschätzen. Marktgröße, Fachkräfte, Infrastruktur, politische Stabilität, Lohnkosten, Genehmigungen und funktionierende Verwaltungen können für einen Standort ebenso wichtig oder wichtiger sein.

Für Deutschland ist das besonders relevant. Ein Industriebetrieb zieht nicht wegen eines einzelnen Prozentpunkts sofort um. Hat er aber ohnehin hohe Energiepreise, lange Genehmigungen, Fachkräftemangel und schlechte Verkehrswege, kann eine weitere Steuerbelastung den Ausschlag gegen die nächste Investition geben.

Die andere Seite: Was der Staat mit dem Geld macht

Die Linke will die zusätzlichen Einnahmen nicht im Tresor lagern. Sie plant Investitionen in Schulen, Kitas, Bahn, Nahverkehr, Wohnungen, Krankenhäuser, Pflege, Energie und digitale Netze. Solche Ausgaben können die Wirtschaft stärken.

Eine gute Bahnverbindung senkt Transportkosten. Eine verlässliche Kita ermöglicht Eltern mehr Erwerbsarbeit. Bessere Schulen schaffen Fachkräfte. Schnelles Internet hilft Unternehmen. Eine OECD-Simulation für Deutschland kommt zu dem Ergebnis, dass mehr öffentliche Investitionen, bessere Kinderbetreuung, Bildung und Weiterbildung das Wachstum pro Kopf langfristig erhöhen können.

Damit stehen sich zwei Wirkungen gegenüber:

  • Höhere Unternehmens- und Vermögensteuern können private Investitionen bremsen.
  • Bessere Infrastruktur und Bildung können private Investitionen anziehen und Unternehmen produktiver machen.

Die Linke setzt darauf, dass die zweite Wirkung stärker ist. Das ist möglich, aber nicht garantiert.

Vermögensteuer: Nicht jeder Vermögende hat das Geld bar auf dem Konto

Privates Vermögen bis zu einer Million Euro pro Person soll nach dem Linken-Konzept frei bleiben. Für Betriebsvermögen nennt die Partei fünf Millionen Euro Freibetrag. Darüber soll die jährliche Steuer steigen: von einem Prozent bis zu fünf Prozent bei sehr großen Vermögen; oberhalb einer Milliarde Euro fordert die Partei zwölf Prozent.

Bei einem Wertpapierdepot ist eine Steuer vergleichsweise leicht zu bezahlen: Ein Teil der Anlagen kann verkauft werden. Bei einem Unternehmen ist das schwieriger. Sein Wert kann in Maschinen, Gebäuden, Patenten oder Grundstücken stecken. Die Eigentümerin, der Eigentümer kann auf dem Papier reich sein, ohne entsprechend viel Bargeld zu besitzen.

Dann gibt es mehrere Möglichkeiten: Das Unternehmen schüttet mehr Gewinn aus, nimmt einen Kredit auf, verkauft Vermögen oder investiert weniger. Genau hier liegt das wirtschaftliche Risiko einer Vermögensteuer auf Betriebsvermögen. Eine Modellstudie des ifo Instituts, eines Wirtschaftsforschungsinstituts an der Universität München, kam zu deutlich negativen Wirkungen auf Investitionen, Beschäftigung und Wachstum. Das ist eine Modellrechnung, kein sicherer Blick in die Zukunft. Sie zeigt aber ein reales Problem: Eine Steuer auf den Besitz kann auch dann fällig werden, wenn der laufende Gewinn schwach ist.

Die Linke versucht dieses Problem mit dem höheren Freibetrag für Betriebsvermögen zu begrenzen. Große mittelständische und industrielle Unternehmen können trotzdem betroffen sein.

Mindestlohn: Mehr Lohn, mehr Kaufkraft – und Druck auf bestimmte Betriebe

Die Linke will den Mindestlohn auf 16 Euro erhöhen. SPD und Grüne forderten in ihren Programmen 15 Euro. Seit dem 1. Januar 2026 liegt der gesetzliche Mindestlohn bei 13,90 Euro; zum 1. Januar 2027 steigt er auf 14,60 Euro. Beides hat die Mindestlohnkommission bereits beschlossen.

Für Beschäftigte der 40.000-Euro-Familie kann ein höherer Mindestlohn das Bruttoeinkommen direkt erhöhen. Gleichzeitig steigen Renten- und Krankenversicherungsbeiträge sowie Steuereinnahmen. Manche staatliche Zuschüsse sinken, weil die Familie mehr selbst verdient.

Für Unternehmen steigen die Lohnkosten. Sie können darauf reagieren:

  • Preise erhöhen,
  • Gewinne reduzieren,
  • Arbeitszeit kürzen,
  • seltener neue Beschäftigte einstellen,
  • Arbeit automatisieren,
  • oder produktiver werden.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, kurz IAB, weist darauf hin, dass Betriebe häufig nicht sofort kündigen, sondern eher weniger neu einstellen. Ostdeutschland ist stärker betroffen als Westdeutschland, weil dort mehr Neueinstellungen unterhalb der neuen Mindestlohngrenzen liegen. Frühere große Mindestlohnerhöhungen haben die Gesamtbeschäftigung nicht zusammenbrechen lassen. Studien finden aber Rückgänge bei Minijobs und teilweise bei Arbeitsstunden.

Für die 40.000-Euro-Familie kann der höhere Mindestlohn deshalb ein deutliches Plus sein – sofern Arbeitszeit und Arbeitsplatz erhalten bleiben. Für die 400.000-Euro-Familie wirkt er eher über ihr Unternehmen, über Preise oder über Dienstleistungen, die teurer werden.

Unterm Strich bei der Linken

Die Linke verbessert die Lage der 40.000-Euro-Familie am stärksten. Sie belastet die 400.000-Euro-Familie am stärksten, vor allem wenn zu ihrem Einkommen großes Vermögen oder ein Unternehmen gehört.

Das Programm kann Konsum, Infrastruktur, Bildung und soziale Sicherheit stärken. Es kann aber auch Investitionen, Unternehmensnachfolgen und Standortentscheidungen belasten. Wie das Ergebnis ausfällt, hängt entscheidend davon ab, ob die zusätzlichen Steuern tatsächlich in produktive öffentliche Leistungen fließen – und ob Unternehmen Deutschland trotz höherer Belastung als guten Standort ansehen.


SPD und Grüne: Umverteilung mit Investitionsanreiz

SPD und Grüne verfolgen dieselbe Grundrichtung wie Die Linke, aber weniger scharf. Niedrige und mittlere Einkommen sollen entlastet, sehr hohe Einkommen und große Vermögen stärker beteiligt werden.

Die 40.000-Euro-Familie gewinnt in der ZEW-Rechnung jeweils rund 72 Euro im Monat. Die 400.000-Euro-Familie profitiert nicht mehr von derselben Richtung. Bei sehr hohem Einkommen und großem Vermögen soll sie stärker beitragen.

Der Unterschied zur Linken: Unternehmen sollen nicht pauschal stärker belastet werden

SPD und Grüne verbinden ihre Umverteilung mit einer Investitionsprämie. Beide Programme nennen zehn Prozent für bestimmte neue Investitionen in Maschinen und Ausrüstung. Das bedeutet: Ein Unternehmen bekommt einen Teil seiner tatsächlichen Investition über die Steuer zurück.

Der wirtschaftliche Gedanke ist wichtig. Eine pauschale Senkung der Unternehmenssteuer belohnt auch einen Konzern, der ohnehin investiert hätte oder gar nicht neu investiert. Eine Investitionsprämie fließt nur, wenn tatsächlich eine Maschine, Anlage oder Ausrüstung angeschafft wird.

Die OECD hält solche gezielten Abschreibungen oder Investitionsanreize häufig für wirksamer als eine allgemeine Senkung des Steuersatzes. Der Haken: Auch eine Prämie kostet den Staat Geld. Und Unternehmen können Investitionen zeitlich verschieben, um die Förderung mitzunehmen.

SPD: Niedrigere Lebensmittelsteuer – aber sinken die Preise wirklich?

Die SPD will die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel auf fünf Prozent senken. Die Mehrwertsteuer steckt im Ladenpreis. Formal führen Händlerinnen und Händler sie ab, wirtschaftlich bezahlen sie die Kundinnen und Kunden.

Für die 40.000-Euro-Familie ist eine niedrigere Lebensmittelsteuer relativ wichtig, weil Einkäufe einen größeren Anteil ihres Budgets ausmachen. Die 400.000-Euro-Familie spart ebenfalls. Sie kauft möglicherweise teurere Lebensmittel und kann absolut sogar mehr Euro gewinnen. Gemessen am Einkommen ist der Vorteil für sie aber viel kleiner.

Ob die Preise um den gesamten Steuerbetrag sinken, ist nicht sicher. Handel und Hersteller können einen Teil der Senkung behalten. Entscheidend ist, wie stark der Wettbewerb ist und ob Verbraucherinnen und Verbraucher Preisunterschiede bemerken.

Grüne: CO₂-Preis und Klimageld – entscheidend ist der Verbrauch

Die Grünen setzen stärker auf einen Preis für klimaschädliche Energie und wollen Einnahmen teilweise als Klimageld zurückgeben. Der Mechanismus ist einfach:

  • Wer wenig Heizenergie und Kraftstoff verbraucht, zahlt wenig CO₂-Kosten und erhält trotzdem das Klimageld.
  • Wer viel verbraucht, zahlt mehr und kann trotz Klimageld belastet werden.

Für die 40.000-Euro-Familie hängt die Wirkung stark davon ab, ob sie in einer schlecht gedämmten Wohnung lebt, weit zur Arbeit fahren muss und welches Auto sie besitzt. Sie kann nicht jede Heizung oder jedes Fahrzeug kurzfristig austauschen. Deshalb braucht ein CO₂-Preis sozialen Ausgleich und erreichbare Alternativen.

Die 400.000-Euro-Familie kann höhere Energiekosten leichter tragen und eher in Wärmepumpe, Dämmung oder Elektroauto investieren. Besitzt sie ein großes Haus, mehrere Fahrzeuge oder fliegt häufig, zahlt sie absolut mehr. Der CO₂-Preis verteilt also nicht nur nach Einkommen, sondern auch nach Verbrauch.

Höhere Mindestlöhne: Vorteil unten, Kosten in arbeitsintensiven Branchen

SPD und Grüne wollen 15 Euro Mindestlohn. Das stärkt Beschäftigte mit niedrigen Stundenlöhnen und kann den Konsum erhöhen. Besonders betroffen sind Gastronomie, Landwirtschaft, Teile des Handels, Reinigungsdienste, Pflegehilfen und andere personalintensive Bereiche.

Ein Bäcker kann seine Filiale nicht ins Ausland verlagern. Er kann aber Preise erhöhen, Öffnungszeiten kürzen oder weniger Personal einsetzen. Ein Industriebetrieb kann stärker automatisieren. Eine Kommune oder Pflegeeinrichtung braucht höhere Zuschüsse, wenn Tarifabstände und Löhne steigen.

Ein höherer Mindestlohn ist deshalb zugleich Sozialpolitik, Wirtschafts- und Preispolitik.

Unterm Strich bei SPD und Grünen

Beide Parteien entlasten die 40.000-Euro-Familie moderat und belasten die 400.000-Euro-Familie eher, wenn diese sehr hohe steuerpflichtige Einkommen, Kapitalerträge oder große Vermögen hat.

Die wirtschaftlichen Risiken sind geringer als beim deutlich stärkeren Steueranstieg der Linken. Ganz verschwinden sie nicht. Höhere Spitzensteuern können Arbeitszeit, Gewinnverlagerung und Standortwahl beeinflussen. Mindestlohn und CO₂-Preis können Preise erhöhen. Investitionsprämien, Infrastruktur, Kinderbetreuung und Klimainvestitionen können im Gegenzug Wachstum, Erwerbsarbeit und private Investitionen fördern.


CDU/CSU: Kleines Plus unten, großes Plus oben – mit der Hoffnung auf Wachstum

Die CDU/CSU will die Belastung von Einkommen und Unternehmen deutlich senken. Die Unternehmenssteuerbelastung soll höchstens 25 Prozent betragen. Der Solidaritätszuschlag soll vollständig verschwinden. Abschreibungen sollen verbessert werden, damit Unternehmen Investitionen schneller steuerlich geltend machen können.

Für die 40.000-Euro-Familie berechnet das ZEW 300 Euro Entlastung im Jahr – 25 Euro im Monat. Für hohe Einkommen wächst der Vorteil stark. Schon bei 180.000 Euro Brutto waren es 5.840 Euro im Jahr. Die 400.000-Euro-Familie gewinnt entsprechend deutlich, sofern die Pläne vollständig umgesetzt werden.

Warum niedrigere Unternehmenssteuern wirken können

Eine niedrigere Gewinnsteuer erhöht den Ertrag nach Steuern. Eine neue Maschine, eine Fabrik oder ein Forschungsprojekt lohnt sich dadurch eher. Unternehmen behalten mehr Geld, um zu investieren, Schulden zu tilgen oder Eigentümer auszuzahlen.

Das kann neue Arbeitsplätze schaffen und Löhne stützen. Es kann Deutschland im internationalen Wettbewerb attraktiver machen. Die OECD bestätigt grundsätzlich einen negativen Zusammenhang zwischen Unternehmenssteuern und Investitionen: Steigt die Belastung, sinkt die Zahl rentabler Projekte.

Aber auch hier ist die Wirkung nicht automatisch. Große, profitable Konzerne investieren nicht allein wegen des Steuersatzes. Sie brauchen Kunden, Fachkräfte, Energie, Netze, Flächen, Rechtssicherheit und schnelle Genehmigungen. Eine pauschale Steuersenkung kann außerdem Unternehmen begünstigen, die auch ohne sie investiert hätten. Dann bekommt der Staat weniger Geld, ohne dass dadurch eine zusätzliche Investition entsteht.

Wer bezahlt das Loch?

Im engeren ZEW-Vergleich fehlen dem Staat durch die Unionspläne 47 Milliarden Euro im Jahr. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, kurz DIW, kommt bei einer breiteren Betrachtung der Steuerpläne sogar auf 110,6 Milliarden Euro.

Die Union setzt auf Wachstum und Ausgabendisziplin. Das Problem: Das DIW schätzt, dass Wachstum nur rund 28 Prozent der von ihm berechneten Steuerausfälle zurückbringt – gut ein Viertel. Der Rest müsste durch weniger Ausgaben, zusätzliche Schulden oder geringere Steuersenkungen geschlossen werden.

Für beide Familien ist deshalb nicht nur die Steuerrechnung wichtig.

  • Die 40.000-Euro-Familie gewinnt wenig bei der Steuer, ist aber stark auf Schule, Nahverkehr, bezahlbare Betreuung und Krankenhaus angewiesen. Kürzungen können ihr Plus schnell übersteigen.
  • Die 400.000-Euro-Familie gewinnt viel bei der Steuer. Sie kann manche Leistungen privat ersetzen und ist deshalb weniger abhängig von jedem öffentlichen Angebot.

Sachsen-Anhalt: Keine Grunderwerbsteuer beim ersten Eigenheim auf dem Land

Im Regierungsprogramm der CDU Sachsen-Anhalt zur Landtagswahl am 6. September 2026 steht der Satz: „Wir setzen uns für eine Grunderwerbsteuerbefreiung beim erstmaligen Erwerb selbstgenutzten Wohneigentums im ländlichen Raum ein.“ Entscheidend sind also drei Bedingungen: erstmalig, selbstgenutzt, ländlich. Von jungen Familien ist im Programm nicht die Rede. Aktuell liegt der Satz in Sachsen-Anhalt bei fünf Prozent.

Bei einem Kaufpreis von 300.000 Euro spart eine Familie einmalig 15.000 Euro. Das ist konkret und leicht verständlich. Wer zur Miete wohnt, in der Stadt kauft oder bereits eine Immobilie besitzt, bekommt davon nichts.

Es gibt eine mögliche Nebenwirkung: Ist Wohnraum knapp, können Verkäufer einen Teil der Steuerersparnis über höhere Preise abschöpfen. Ob das geschieht, hängt vom örtlichen Markt und vom Wohnungsangebot ab.

Unterm Strich bei CDU/CSU

Beide Familien werden entlastet, die 400.000-Euro-Familie aber wesentlich stärker. Unternehmen erhalten bessere Investitionsbedingungen. Das kann Wachstum und Arbeitsplätze fördern.

Das Risiko liegt auf der anderen Seite der Rechnung: Reicht das Wachstum nicht, fehlen dem Staat große Summen. Werden dann öffentliche Investitionen oder soziale Leistungen gekürzt, trifft das die 40.000-Euro-Familie stärker als die 400.000-Euro-Familie.


AfD: Die größte Entlastung oben – und ein wirtschaftlicher Umbau weit über Steuern hinaus

Die AfD will Einkommensteuern senken, Freibeträge erhöhen, den Solidaritätszuschlag abschaffen und ein Familiensplitting einführen. Einkommen würde dabei rechnerisch auf Eltern und Kinder verteilt. Je höher das Einkommen, desto größer kann der Vorteil werden.

Sie will außerdem Vermögen- und Erbschaftsteuer abschaffen, Energiesteuern senken und die Unternehmensbesteuerung vereinfachen.

Für die 40.000-Euro-Familie ist kein sicherer Gewinn belegt. Das ZEW zeigt wegen des Wohngeld-Effekts zunächst ein Minus. Für hohe Einkommen ist die Wirkung eindeutig: Schon bei 180.000 Euro Brutto errechnete das ZEW 19.190 Euro Entlastung im Jahr – 1.599 Euro im Monat. Die 400.000-Euro-Familie würde besonders stark profitieren.

Erbschaftsteuer abschaffen: Das Familienhaus ist nur ein Teil der Wahrheit

Von der Abschaffung der Erbschaftsteuer kann eine Familie profitieren, die ein Haus erbt. Die größten Beträge sparen jedoch Erbinnen und Erben großer Unternehmen, Immobilienbestände und Millionenvermögen.

Für die 40.000-Euro-Familie zählt deshalb nicht nur, ob sie irgendwann etwas erbt. Entscheidend ist, wie groß die Erbschaft ist und ob sie heute überhaupt Steuer zahlen müsste. Für die 400.000-Euro-Familie kann die Abschaffung sehr wertvoll sein, wenn ihr Einkommen mit großem Familienvermögen verbunden ist.

Die wirtschaftliche Begründung lautet: Unternehmen müssen bei der Übergabe an die nächste Generation kein Geld für die Steuer abziehen und können investieren. Die gesellschaftliche Gegenwirkung lautet: Große Vermögen können nahezu ungeschmälert über Generationen weitergegeben werden. Der Abstand zwischen Familien mit und ohne Erbe wächst.

Niedrigere Energieabgaben: schnelle Entlastung, langfristige Rechnung offen

Weniger Energie- und CO₂-Abgaben können Benzin, Diesel, Heizen und Strom kurzfristig verbilligen. CO₂ steht für Kohlendioxid, das bei der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas entsteht und das Klima erwärmt. Der Staat belegt diesen Ausstoß mit einem Preis, damit klimaschädliche Energie teurer und klimafreundliche Alternativen attraktiver werden. Davon profitieren beide Familien, wenn die Abgabe sinkt.

Die 40.000-Euro-Familie spürt jeden Cent an der Tankstelle stärker. Die 400.000-Euro-Familie verbraucht möglicherweise mehr Energie und spart absolut mehr – etwa durch größere Wohnfläche, mehrere Fahrzeuge oder häufigere Reisen.

Die langfristige Wirkung ist komplizierter. Sinkt der Preis fossiler Energie, lohnt sich Energiesparen weniger. Investitionen in Dämmung, Elektrofahrzeuge oder klimafreundliche Produktion können langsamer werden. Zudem verschwinden Einnahmen, mit denen Netze, Klimageld oder der Umbau der Energieversorgung finanziert werden könnten.

Die AfD setzt stattdessen auf Kernenergie, heimische Energieträger und weniger Klimavorgaben. Ob das Energie dauerhaft billiger macht, hängt von Bauzeiten, Finanzierung, Brennstoffkosten, Netzen und europäischen Regeln ab. Ein Wahlprogramm kann den Preis eines neuen Kraftwerks nicht festlegen.

Der Euro-Austritt: Die größte wirtschaftliche Wirkung steht nicht in der Steuerrechnung

Die AfD fordert, dass Deutschland das Euro-System verlässt und langfristig die heutige Europäische Union durch einen „Bund europäischer Nationen“ ersetzt.

Das wäre keine kleine Nebenentscheidung. Eine neue deutsche Währung könnte gegenüber dem Euro stark aufwerten. Importe würden günstiger, Reisen und ausländische Waren für deutsche Haushalte möglicherweise billiger. Deutsche Exporte würden für Käufer im Ausland aber teurer. Gerade Sachsen-Anhalt und andere ostdeutsche Industrieregionen mit Autozulieferern, Maschinenbau und Exportbetrieben könnten Arbeitsplätze verlieren.

Guthaben, Kredite, Versicherungen, Löhne und Verträge müssten auf eine neue Währung umgestellt werden. Schon die Erwartung eines Austritts könnte Kapitalbewegungen und Unsicherheit auslösen. Die AfD räumt in ihrem Programm Umstellungsbelastungen ein, hält sie aber für geringer als die dauerhaften Kosten des Euro.

Unabhängige Berechnungen kommen zu deutlich größeren Risiken. Eine Studie des ifo Instituts und seines europäischen Forschungsnetzes EconPol vom Februar 2023 schätzte für die Auflösung der Eurozone einen langfristigen Verlust des Bruttoinlandsprodukts je Einwohnerin und Einwohner in Deutschland von rund 0,7 Prozent. Für die Auflösung des gesamten Binnenmarktes – jenes Raums, in dem Waren, Dienstleistungen, Geld und Menschen weitgehend ohne nationale Schranken verkehren – errechneten die Fachleute für Deutschland 3,6 Prozent, für ein vollständiges Ende der Europäischen Union (EU) 5,2 Prozent. Das ist nicht exakt dasselbe Szenario wie das AfD-Modell eines neuen Staatenbundes. Es zeigt aber die Größenordnung: Die Währung ist der kleinere Teil der Rechnung. Der Binnenmarkt ist der große.

Für die beiden Familien wären die Folgen unterschiedlich:

  • Die 40.000-Euro-Familie ist besonders von Arbeitsplatz, Lohn, Inflation und öffentlichen Leistungen abhängig. Wirtschaftliche Verwerfungen treffen sie schnell.
  • Die 400.000-Euro-Familie besitzt eher Wertpapiere, Unternehmen, Immobilien oder Auslandskonten. Sie kann von einer starken neuen Währung profitieren, trägt aber größere Risiken bei Kursen, Exportgeschäften und Vermögenswerten.

Weniger Zuwanderung: geringere Ausgaben – aber auch weniger Beschäftigte und Beitragszahler

Die AfD will Zuwanderung stark begrenzen und bei Migration sowie Asyl sparen. Das kann staatliche Ausgaben senken.

Deutschland altert jedoch. Unternehmen, Krankenhäuser, Pflege, Handwerk und Gastronomie suchen Arbeitskräfte. Weniger Zuwanderung kann deshalb auch weniger Beschäftigte, weniger Sozialbeiträge und weniger Steuerzahler bedeuten. Die OECD sieht eine höhere Erwerbsbeteiligung und reguläre Zuwanderung als einen Baustein, um den Rückgang der Erwerbsbevölkerung abzufedern.

Eine DIW-Szenariorechnung von DIW-Präsident Marcel Fratzscher vom 24. Juli 2026 wird für Sachsen-Anhalt sehr konkret. Sie kombiniert EU- und Euro-Austritt, deutlich weniger Zuwanderung und geringere Staatsausgaben und rechnet fünf Jahre voraus. Ergebnis für das Land: Das reale verfügbare Einkommen sänke um 6,2 Prozent – rund 1.600 Euro je Kopf und Jahr, gut 130 Euro im Monat. Die Reallöhne sänken um rund acht Prozent, etwa 200 Euro im Monat. Die Zahl der Arbeitslosen stiege um rund 10.000. Bundesweit läge der Verlust bei 4,0 Prozent; Sachsen-Anhalt träfe es also rund anderthalbmal so hart. Das DIW nennt das das „AfD-Paradox“: Die strukturschwachen Hochburgen einer Partei verlören unter deren Programm am meisten.

Das ist ein Szenario, keine sichere Zukunft, und es beruht auf Annahmen, über die man streiten kann. Es macht aber sichtbar, dass eingesparte Migrationsausgaben nicht automatisch ein gleich großes Plus für Familien ergeben.

Die Finanzierungslücke

Im engen ZEW-Vergleich fehlen durch die AfD-Pläne 97 Milliarden Euro im Jahr. Das DIW kommt bei einer breiteren Steuerrechnung auf 181,2 Milliarden Euro. Wachstum könnte nach DIW-Schätzung nur etwa 18 Prozent dieser Ausfälle zurückbringen – der niedrigste Wert aller untersuchten Programme.

Die 97 Milliarden enthalten noch nicht alle Vorhaben – etwa die vollständige Abschaffung der Erbschaftsteuer und alle Unternehmens- und Energieentlastungen. Die Gesamtfinanzierung ist deshalb noch offener.

Der Spitzenkandidat räumt es selbst ein

Die wichtigste Einschränkung des AfD-Programms stammt nicht von der Konkurrenz. Sie stammt vom eigenen Spitzenkandidaten.

Am 2. Juli 2026 saß Ulrich Siegmund im ZDF bei Markus Lanz – Fraktionsvorsitzender der AfD im Magdeburger Landtag und Spitzenkandidat seiner Partei für den 6. September. Das Thema der Sendung war ausdrücklich die Finanzierbarkeit der haushalts-, sicherheits- und familienpolitischen Pläne seiner Partei. Neben ihm saßen die Wirtschaftsjournalistin Ursula Weidenfeld und Justus Bender von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Was er dort über die Umsetzbarkeit des eigenen Programms sagte, ist nach den übereinstimmenden Mitschriften von Berliner Zeitung und WEB.DE bemerkenswert offen. Auf die Frage nach dem Zeitpunkt antwortete Siegmund: „Natürlich ist es nicht im Jahr 2027 umgesetzt, wie es im Regierungsprogramm steht." Er sprach von „einer langfristigen Vision" und von „kurz-, mittel- und langfristigen Maßnahmen". Geschehen werde es „in dem Moment, wo wir die haushälterische Freiheit dafür haben. So schnell wie möglich". Und weiter: „Es ist nicht alles sofort umsetzbar." Seine eigene Zusammenfassung lautete: „Wir versprechen nicht das Unmögliche."

2027 ist das erste volle Jahr der kommenden Wahlperiode. Wer sagt, sein Programm sei dann nicht umgesetzt, sagt: Das, was auf dem Wahlzettel steht, wird in dieser Legislatur nicht kommen.

Und es ging in dieser Sendung nur um das Landesprogramm. Um dreizehn Maßnahmen, die die Wirtschaftsjournalistin Ursula Weidenfeld gemeinsam mit dem Institut für Wirtschaftsforschung Halle mit knapp einer Milliarde Euro im Jahr veranschlagte – Familienleistungen, tausend zusätzliche Polizisten, Handwerksförderung. Nicht um die Einkommensteuer. Das Institut, das diese Rechnung aufmachte, sitzt in Halle an der Saale.

Die Steuerpläne, um die es in diesem Wahlcheck geht, stehen dagegen im Bundesprogramm. Sie sind nicht eine Milliarde schwer, sondern nach der ZEW-Rechnung 97 Milliarden Euro im Jahr, nach der breiteren DIW-Rechnung 181,2 Milliarden. Wenn schon eine Milliarde auf Landesebene den Vorbehalt „in dem Moment, wo wir die haushälterische Freiheit dafür haben" braucht, dann gilt dieser Vorbehalt für das Hundertachtzigfache erst recht.

Für beide Familien folgt daraus dasselbe – mit sehr ungleichem Gewicht. Die 19.190 Euro, die das ZEW bei 180.000 Euro Brutto errechnet, sind kein Betrag, der nach einem Wahlsieg auf einem Konto erscheint. Sie beschreiben eine Richtung. Und diese Richtung ist eindeutig: Je höher das Einkommen, desto größer der Vorteil. Ob, wann und in welcher Höhe ihn jemand tatsächlich erhielte, hat der Spitzenkandidat offengelassen.

Fairerweise gilt der Vorbehalt für alle. Auch die Union hinterlässt im ZEW-Vergleich 47 Milliarden Euro Lücke. Auch die Linke rechnet mit 113 Milliarden Euro aus erhofftem Wachstum. Der Unterschied liegt in der Größenordnung – und darin, dass hier der Spitzenkandidat den Vorbehalt selbst ausspricht, während das Wahlprogramm ihn nicht enthält. Wer das Programm liest, liest ein Versprechen. Wer den Kandidaten hört, hört eine Vision.

*Die zitierten Sätze stammen aus den Sendungsmitschriften von Berliner Zeitung und WEB.DE zur Lanz-Ausgabe vom 2. Juli 2026; sie liegen jeweils in beiden oder in einem der beiden Berichte wörtlich vor. Die vollständige Sendung steht in der ZDF-Mediathek.*

Unterm Strich bei der AfD

Die 400.000-Euro-Familie ist die klare finanzielle Gewinnerin der Steuer- und Erbschaftspläne. Für die 40.000-Euro-Familie ist kein vergleichbar sicherer Vorteil belegt.

Kurzfristig können niedrigere Steuern und Energieabgaben Konsum und Investitionen stärken. Langfristig liegen die größten Risiken außerhalb der kleinen Steuerrechnung: Finanzierungslücke, mögliche Leistungskürzungen, weniger Zuwanderung sowie der Umbau von Euro und EU.

Und über allem steht der Satz des eigenen Spitzenkandidaten. Was hier gerechnet wird, ist nach seiner Auskunft nicht der Plan für die nächsten fünf Jahre, sondern eine Absichtserklärung ohne Datum. Wer daraus einen Betrag auf dem eigenen Konto ableitet, rechnet mit einer Zahl, die die Partei selbst nicht garantiert.


Wer bezahlt die Krankenversicherung?

Die Krankenversicherung ist für beide Familien ein gutes Beispiel dafür, wie unterschiedlich ein gleicher Prozentsatz wirken kann.

2026 beträgt der allgemeine Beitragssatz der gesetzlichen Krankenversicherung 14,6 Prozent. Dazu kommt ein Zusatzbeitrag, den jede Krankenkasse selbst festlegt. Rechnerisch angesetzt hat der Bund für 2026 durchschnittlich 2,9 Prozent; tatsächlich erhoben wurden Ende März 2026 im Mittel 3,13 Prozent. Die Kassen liegen also bereits über dem Wert, mit dem der Gesetzgeber kalkuliert. Hinzu kommt die Pflegeversicherung mit 3,6 Prozent. Arbeitgeber und Beschäftigte teilen sich diese Beiträge grundsätzlich zur Hälfte.

Beiträge werden aber nur bis 69.750 Euro Jahreseinkommen erhoben – 5.812,50 Euro im Monat. Diese Grenze heißt in Gesetzen und Abrechnungen „Beitragsbemessungsgrenze“. Gemeint ist schlicht: Einkommen oberhalb dieser Grenze bleibt in der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung beitragsfrei. Wer als Beschäftigter mehr als 77.400 Euro im Jahr verdient, kann unter bestimmten Bedingungen in die private Krankenversicherung wechseln.

Was das für die 40.000-Euro-Familie bedeutet

Liegt das Einkommen aus Beschäftigung bei 40.000 Euro, befindet sich die Familie normalerweise vollständig unter der Beitragsgrenze. Auf jeden zusätzlichen beitragspflichtigen Euro fallen Kranken- und Pflegebeiträge an. Kinder und ein Partner mit geringem Einkommen können in der gesetzlichen Kasse kostenlos familienversichert sein.

Steigen die Beitragssätze, spürt diese Familie die Erhöhung auf ihr gesamtes beitragspflichtiges Einkommen.

Was das für die 400.000-Euro-Familie bedeutet

Bei 400.000 Euro hängt viel davon ab, wie das Einkommen zwischen den Erwachsenen verteilt ist. Verdient ein Elternteil den größten Teil, wird in der gesetzlichen Kasse trotzdem nur Einkommen bis zur Beitragsgrenze belastet. Die restlichen Hunderttausende lösen keinen weiteren Krankenversicherungsbeitrag aus. Die Familie kann außerdem privat versichert sein.

Einkünfte aus Aktien, Zinsen und Vermietung bleiben bei pflichtversicherten Beschäftigten meist außerhalb der Beitragsrechnung.

Linke, SPD und Grüne: mehr Einkommen in einen gemeinsamen Topf

Diese drei Parteien wollen die Finanzierung verbreitern. Privatversicherte sollen in ein gemeinsames System einbezogen werden. Hohe Einkommen und – je nach Modell – Kapital- und Mieteinnahmen sollen stärker beitragen.

Die 40.000-Euro-Familie könnte dadurch entlastet werden, wenn der Beitragssatz sinkt oder weniger schnell steigt. Die 400.000-Euro-Familie würde eher mehr zahlen, weil heute beitragsfreie Einkommen einbezogen werden.

Die Linke nennt in ihrem Bundestagswahlprogramm einen eigenen Zielwert von etwa 13,3 Prozent und verspricht Menschen unter rund 7.100 Euro Brutto im Monat niedrigere Beiträge. Zum Vergleich: Rechnerisch liegt der Gesamtbeitragssatz 2026 bei 17,5 Prozent, tatsächlich erhoben bei rund 17,7 Prozent. Die 13,3 Prozent sind eine Parteirechnung. Sie sind keine unabhängige Garantie.

Ein gemeinsamer Versicherungstopf hätte weitere Folgen:

  • Die Einnahmenbasis würde größer.
  • Der Wettbewerb zwischen gesetzlicher und privater Versicherung würde sich grundlegend verändern.
  • Private Versicherer müssten ihr Geschäftsmodell umbauen.
  • Ärztinnen, Ärzte und Kliniken könnten Einnahmen verlieren, wenn unterschiedliche Vergütungen für private und gesetzliche Patienten angeglichen werden.
  • Der Übergang wäre kompliziert, weil bestehende Verträge und die angesparten Rücklagen der Privatversicherten geschützt werden müssen. Private Versicherungen legen einen Teil der Beiträge zurück, um höhere Krankheitskosten im Alter abzufangen.

CDU/CSU und AfD: System erhalten, Kosten anders begrenzen

CDU/CSU und AfD wollen die Trennung von gesetzlicher und privater Versicherung im Kern erhalten.

Die Union setzt auf bessere Abläufe, Vorbeugung, Digitalisierung und weniger unnötige Kosten. Die AfD will Leistungen, die der gesamten Gesellschaft dienen, stärker aus Steuern statt aus Krankenkassenbeiträgen finanzieren und Verwaltung zusammenlegen.

Das kann Beiträge entlasten. Es verschiebt die Rechnung aber teilweise nur. Wird eine Leistung aus Steuern statt aus Beiträgen bezahlt, tragen sie die Bürgerinnen und Bürger weiterhin – nur über einen anderen Weg.

Das Bundesgesundheitsministerium meldete im Juni 2026 für das Folgejahr eine Finanzierungslücke der gesetzlichen Kassen von insgesamt rund 19 Milliarden Euro. Die Zahlen dahinter sind eindeutig: Im ersten Quartal 2026 stiegen die Ausgaben um 7,7 Prozent, die Einnahmen nur um 4,1 Prozent. Verwaltungskosten allein erklären das nicht. Krankenhaus- und Behandlungsausgaben wachsen wesentlich schneller als die Beitragseinnahmen.

Keine der fünf Parteien kann deshalb dauerhaft stabile Beiträge allein mit dem Wort „Effizienz“ garantieren. Es braucht mehr Einnahmen, geringere Ausgaben, Leistungskürzungen, höhere Steuerzuschüsse – oder eine Mischung daraus.


Erbschaften und Vermögen: Einkommen allein erzählt nur die halbe Geschichte

Die 400.000-Euro-Familie verdient zehnmal so viel wie die 40.000-Euro-Familie. Sie muss deshalb noch lange kein zehnmal so großes Vermögen besitzen.

Einkommen ist das Geld, das in einem Jahr hereinkommt. Vermögen ist das, was nach vielen Jahren vorhanden ist: Immobilien, Firmenanteile, Wertpapiere, Sparguthaben – abzüglich Schulden.

Eine Familie kann 400.000 Euro verdienen und gleichzeitig hohe Kredite haben. Eine andere kann nur 40.000 Euro verdienen und ein schuldenfreies Haus geerbt haben. Deshalb müssen Einkommensteuer, Vermögensteuer und Erbschaftsteuer getrennt betrachtet werden.

Linke

Hohe Einkommen, große Vermögen und große Erbschaften werden deutlich stärker belastet. Die 40.000-Euro-Familie bleibt unter den hohen Vermögensfreibeträgen regelmäßig außen vor. Die 400.000-Euro-Familie zahlt nur dann Vermögensteuer, wenn sie neben dem Einkommen tatsächlich entsprechendes Vermögen besitzt.

SPD und Grüne

Beide wollen sehr große Vermögen und große Erbschaften stärker heranziehen, aber weniger stark als Die Linke. Betriebsvermögen soll nicht vollständig unangetastet bleiben; zugleich sollen Arbeitsplätze und Investitionen berücksichtigt werden.

CDU/CSU

Die Union lehnt eine Vermögensteuer ab und will vererbte Unternehmen besonders schützen. Das kann verhindern, dass ein Betrieb zur Bezahlung der Erbschaftsteuer Vermögen verkaufen oder Kredite aufnehmen muss. Es kann aber auch dazu führen, dass sehr große Unternehmensvermögen wesentlich günstiger übertragen werden als andere Vermögen.

AfD

Die AfD will Erbschaft- und Vermögensteuer vollständig abschaffen. Damit verschwindet das Liquiditätsproblem bei Unternehmensnachfolgen. Gleichzeitig können sehr große Vermögen nahezu ungeschmälert über Generationen weitergegeben werden. Die soziale Schere wächst nicht nur beim Jahreseinkommen, sondern dauerhaft beim Besitz.


Steuerflucht und Schlupflöcher: Bevor der Staat Steuern erhöht, muss er die bestehenden erst einmal bekommen

Auf dem Papier lässt sich leicht mit neuen Steuern oder niedrigeren Steuersätzen rechnen. In der Wirklichkeit beginnt die entscheidende Frage früher: Wird das Geld, das nach geltendem Recht fällig ist, überhaupt bezahlt?

Dabei werden drei verschiedene Dinge häufig in einen Topf geworfen:

  • Steuerhinterziehung ist illegal. Einkommen, Umsätze oder Vermögen werden verschwiegen, falsche Angaben gemacht oder Steuern durch Betrug mehrfach erstattet.
  • Steuervermeidung nutzt legale Lücken. Unternehmen oder vermögende Personen ordnen Geschäfte so, dass formal weniger Steuer anfällt. Das kann dem Sinn eines Gesetzes widersprechen, ohne bereits eine Straftat zu sein.
  • Gewinnverschiebung betrifft vor allem internationale Konzerne. Gewinne werden durch Zinsen, Lizenzgebühren oder interne Preise rechnerisch in ein Land mit sehr niedrigen Steuern verlagert, obwohl ein großer Teil der Arbeit und des Verkaufs in Deutschland stattfindet.

Geldwäsche ist noch einmal etwas anderes. Dabei soll die kriminelle Herkunft von Geld verborgen werden. Geldwäsche kann mit Steuerhinterziehung zusammenhängen, ist aber nicht automatisch dasselbe.

Wie groß ist das Loch wirklich?

Eine einzige belastbare Gesamtsumme für Deutschland gibt es nicht. Gerade nicht entdeckte Geschäfte lassen sich naturgemäß nur schätzen. Deshalb wäre der Satz „Jedes Jahr verschwinden genau X Milliarden Euro“ unseriös.

Dass es um Milliarden geht, ist trotzdem belegt:

  • Die Europäische Kommission schätzte die Lücke bei der deutschen Mehrwertsteuer für 2023 auf 31,3 Milliarden Euro oder 9,7 Prozent des theoretisch fälligen Aufkommens; EU-weit waren es 128 Milliarden Euro. Das ist die Differenz zwischen der theoretisch fälligen und der tatsächlich eingegangenen Mehrwertsteuer. Darin stecken Betrug und Hinterziehung, aber auch Insolvenzen, Fehler und andere Ausfälle. Die 31 Milliarden sind deshalb nicht vollständig „gestohlenes Steuergeld“.
  • Betriebsprüfungen der Finanzämter stellten 2024 nach Angaben des Bundesfinanzministeriums 10,9 Milliarden Euro zusätzliche Steuern fest. Davon entfielen 7,6 Milliarden auf Großbetriebe – rund 70 Prozent. Bundesweit waren dafür 12.359 Prüferinnen und Prüfer im Einsatz. Das ist ein Prüfungsergebnis, nicht automatisch die Summe, die am Ende tatsächlich in der Staatskasse ankommt. Prozesse, Korrekturen oder Zahlungsprobleme können den Betrag noch verändern.
  • Die Steuerfahndungen der Länder meldeten für 2024 separat rund 2,6 Milliarden Euro aus 34.247 bearbeiteten Fällen; die Gerichte verhängten dabei zusammen 1.345 Jahre Freiheitsstrafe. Auch das ist keine Schätzung der gesamten Hinterziehung, sondern nur das Ergebnis abgeschlossener Fahndungsprüfungen.
  • Weltweit gehen nach Schätzung der OECD jedes Jahr 100 bis 240 Milliarden Dollar an Unternehmenssteuern durch die Verschiebung von Gewinnen und das Ausnutzen internationaler Regelunterschiede verloren.

Diese Zahlen dürfen nicht einfach addiert werden. Sie messen unterschiedliche Dinge, können sich überschneiden und stammen aus verschiedenen Rechenwegen. Sie zeigen aber, warum Personal, Daten und internationale Regeln für die Staatskasse ebenso wichtig sein können wie ein neuer Steuersatz.

Die Linke: das ausführlichste Programm gegen Steuerflucht

Die Linke geht am weitesten ins Detail. Sie will:

  • den weltweiten Mindeststeuersatz für große Konzerne auf 25 Prozent erhöhen,
  • Gewinne stärker dort besteuern, wo Beschäftigte tatsächlich arbeiten und Unternehmen verkaufen,
  • Dividenden, Zinsen und Lizenzgebühren mit 50 Prozent besteuern, wenn sie in Staaten fließen, die steuerlich nicht mit Deutschland zusammenarbeiten,
  • Ausgaben nicht mehr steuerlich anerkennen, wenn sie nur dazu dienen, Gewinne ins Ausland zu verschieben,
  • große internationale Konzerne zwingen, Umsätze, Gewinne und Steuerzahlungen für jedes Land getrennt offenzulegen,
  • Briefkastenfirmen und Steuervermeidung über Stiftungen erschweren,
  • jedes Jahr offiziell schätzen lassen, wie viel Steuer Deutschland entgeht,
  • Finanzämter und Strafverfolger personell und technisch stärken,
  • sehr Vermögende häufiger prüfen,
  • und deutsche Staatsangehörige grundsätzlich auch dann in Deutschland besteuern, wenn sie ihren Wohnsitz ins Ausland verlegen; bereits im Ausland gezahlte Steuer soll angerechnet werden.

Der letzte Punkt wäre ein tiefer Eingriff. Ein bloßer Umzug in ein Niedrigsteuerland würde die deutsche Steuerpflicht nicht mehr beenden. Für die 400.000-Euro-Familie wäre das nur dann relevant, wenn sie tatsächlich ins Ausland zieht oder grenzüberschreitende Einkünfte hat. Ein hohes Einkommen allein macht niemanden zum Steuerflüchtling.

Die Linke setzt in ihrer eigenen Finanzierung 18 Milliarden Euro im Jahr durch ein schärferes Vorgehen gegen Steuerhinterziehung an. Weitere 42 Milliarden aus Unternehmenssteuern enthalten neben der höheren Steuer auch Maßnahmen gegen Gewinnverschiebung. Wie viel davon tatsächlich hereinkäme, ist nicht unabhängig bestätigt. Mehr Prüfungen können viel Geld bringen. Zugleich ändern Unternehmen ihre Strukturen, klagen gegen Bescheide oder verlagern echte Tätigkeiten. Die Parteirechnung ist ein Ziel, keine garantierte Einnahme.

SPD: konkrete Regeln gegen versteckte Vermögen und Steuermodelle

Die SPD will den Umsatzsteuerbetrug vor allem in Branchen mit viel Bargeld zurückdrängen. Eine schlagkräftigere Behörde soll Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Finanzkriminalität verfolgen.

Außerdem will sie:

  • Lücken im Transparenzregister schließen – dort soll erkennbar sein, welchen Menschen ein Unternehmen am Ende tatsächlich gehört,
  • verschleierte Vermögen leichter aufdecken,
  • bestimmte legale Steuergestaltungen innerhalb Deutschlands meldepflichtig machen,
  • in Europa eine gemeinsame Grundlage für die Berechnung der Unternehmensteuer durchsetzen,
  • schädlichen Wettbewerb zwischen Staaten um immer niedrigere Steuern begrenzen,
  • und eine international abgestimmte Mindeststeuer für extrem Vermögende vorantreiben.

Das ist mehr als ein allgemeiner Satz gegen Betrug. Die SPD benennt Werkzeuge. Sie sagt im Wahlprogramm aber nicht belastbar, wie viele Milliarden genau jede dieser Maßnahmen zusätzlich bringen würde. Diese Einnahmen dürfen deshalb nicht nachträglich erfunden und zum Stopfen anderer Finanzierungslücken benutzt werden.

Das ist Bundespolitik. Im sachsen-anhaltischen Landesprogramm für 2026 findet sich kein vergleichbar ausgearbeitetes Kapitel – was folgerichtig ist, weil ein Landtag über internationale Steuerregeln nicht entscheidet.

Grüne: Finanzpolizei, offene Eigentümer und geschlossene Immobilienlücken

Auch die Grünen nennen ein breites Paket. Sie wollen:

  • die Bundesbehörde gegen Finanzkriminalität zu einer Finanzpolizei ausbauen,
  • Eigentumsverhältnisse von Unternehmen im Transparenzregister besser sichtbar machen,
  • Finanzaufsicht, Steuerprüfung und Ermittlungsbehörden gegen Cum-Ex, Cum-Cum und Umsatzsteuerkarusselle stärken,
  • verhindern, dass große Verfahren verjähren, bevor sie aufgeklärt sind,
  • schwere Fälle der Steuerhinterziehung möglicherweise als Verbrechen einstufen,
  • Schlupflöcher bei Immobiliengeschäften schließen,
  • und den Wettbewerb deutscher Kommunen um besonders niedrige Gewerbesteuern begrenzen.

Cum-Ex und Cum-Cum sind Aktiengeschäfte rund um den Tag der Dividendenausschüttung. Durch komplizierte Handelsketten wurde eine nur einmal gezahlte Steuer mehrfach erstattet oder eine Besteuerung umgangen. Ein Umsatzsteuerkarussell ist ein grenzüberschreitendes Betrugssystem, bei dem ein Unternehmen die Mehrwertsteuer kassiert und nicht abführt, während ein anderes Unternehmen sie sich vom Staat erstatten lässt.

Auch bei den Grünen fehlt eine belastbare Summe, die allein aus der Bekämpfung von Steuerflucht zu erwarten wäre. Der politische Wille ist im Bundesprogramm deutlich; der genaue Ertrag bleibt offen.

CDU/CSU: bessere Kontrollen – aber wenig zu internationalen Steuerschlupflöchern

Die Union will Steuerprüfungen schneller, digitaler und stärker automatisiert durchführen. Künstliche Intelligenz soll Finanzämtern helfen, auffällige Fälle und Steuerbetrug zu erkennen. Eine neue Zollpolizei soll Geldwäsche und Finanzkriminalität verfolgen; kriminelles Vermögen soll leichter eingezogen werden.

Das kann den Vollzug verbessern. Schnellere Prüfungen geben ehrlichen Unternehmen zudem früher Rechtssicherheit. Ein Handwerksbetrieb, der seine Steuer hier vollständig zahlt, profitiert auch davon, wenn ein betrügerischer Konkurrent nicht mehr mit einem künstlich niedrigen Preis davonkommt.

Im Bundeswahlprogramm findet sich jedoch kein ähnlich ausgearbeitetes Paket gegen internationale Gewinnverschiebung, Steueroasen oder legale Steuersparmodelle wie bei Linken, SPD und Grünen. Der Schwerpunkt liegt auf Kontrolle, Vereinfachung und Kriminalitätsbekämpfung. Für zusätzliche Einnahmen nennt die Union daraus keine belastbare Summe.

AfD: niedrigere Steuern statt eines Pakets gegen Gewinnverschiebung

Die AfD beschreibt Schwarzarbeit, schwarze Kassen und eine große Schattenwirtschaft als Folgen hoher Steuern, Abgaben und Vorschriften. Ihre Antwort lautet vor allem: Steuern senken, Regeln abbauen und das Steuerrecht vereinfachen. Niedrigere Sätze können tatsächlich den Anreiz verringern, Einkommen zu verstecken oder aufwendige Steuermodelle zu nutzen.

Sie ersetzen Kontrollen aber nicht. Wer mit falschen Rechnungen, verschwiegenen Umsätzen oder mehrfachen Steuererstattungen betrügt, hört nicht automatisch auf, weil der Steuersatz sinkt.

Das AfD-Programm erwähnt den Cum-Ex-Skandal im Zusammenhang mit dem Schutz von Hinweisgebern. Ein konkretes Programm gegen Steueroasen, Briefkastenfirmen, internationale Gewinnverschiebung oder bekannte Schlupflöcher legt es nicht vor. Ebenso fehlt eine bezifferte Summe, die durch bessere Kontrollen hereinkommen soll. Die großen Steuersenkungen der AfD können deshalb nicht seriös mit angenommenen Erfolgen gegen Steuerflucht verrechnet werden.

Was Sachsen-Anhalt selbst tun kann

Die wichtigsten Regeln gegen internationale Gewinnverschiebung beschließt der Bund gemeinsam mit der Europäischen Union und anderen Staaten. Sachsen-Anhalt ist trotzdem nicht machtlos. Das Land stattet Finanzämter, Steuerfahndung, Polizei und Staatsanwaltschaften aus.

Genau hier ist die Leerstelle bemerkenswert: In keinem der fünf beschlossenen Landesprogramme zur Wahl am 6. September 2026 findet sich ein ausgearbeitetes eigenes Paket gegen Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Gewinnverschiebung – weder bei CDU und AfD noch bei SPD, Grünen und Linken. Über Personal in Finanzämtern, Steuerfahndung, Staatsanwaltschaften und Landeskriminalamt entscheidet aber das Land, nicht der Bund. Es ist die eine Stellschraube, an der Sachsen-Anhalt selbst drehen könnte, ohne auf Berlin oder Brüssel zu warten. Im Wahlkampf 2026 spielt sie keine Rolle.

Was das für beide Familien bedeutet

Für die 40.000-Euro-Familie entsteht durch eine geschlossene Konzernlücke zunächst kein höherer Lohn und kein zusätzlicher Euro auf dem Konto. Die Wirkung kommt über Umwege:

  • Der Staat hat mehr Geld für Schulen, Kitas, Krankenhäuser oder niedrigere Abgaben.
  • Ehrliche kleine und mittlere Betriebe werden nicht länger von Konkurrenten benachteiligt, die Steuern umgehen.
  • Muss der Staat weniger Geld an anderer Stelle suchen, sinkt der Druck auf Verbrauchsteuern, Beiträge und Leistungen.

Für die 400.000-Euro-Familie gilt: Hohes Einkommen ist kein Verdachtsgrund. Verdient sie ihr Geld als gut bezahlte Angestelltenfamilie und versteuert es vollständig, treffen viele Maßnahmen gegen Konzernmodelle sie gar nicht. Besitzt sie internationale Firmen, Stiftungen, große Immobiliengesellschaften oder Kapitalanlagen über mehrere Staaten, können Meldepflichten, Quellensteuern und geschlossene Lücken dagegen viel verändern.

Strengere Regeln haben ebenfalls Nebenwirkungen. Unternehmen müssen mehr Daten melden, Steuerberatung wird teurer, und schlecht abgestimmte nationale Alleingänge können echte Investitionen vertreiben. Internationale Absprachen vermindern dieses Risiko, dauern aber länger und erfordern Kompromisse.

Der Kern bleibt: Erfolgreiche Fahndung und geschlossene Lücken können Milliarden einbringen, ohne den gesetzlichen Steuersatz einer normalen Familie zu erhöhen. Diese Milliarden sind aber erst dann eine belastbare Finanzierung, wenn eine Partei konkrete Regeln, Personal und eine vorsichtige Einnahmeschätzung nennt. Einen unbekannten Betrag schon vorab auszugeben, wäre dieselbe Schönrechnerei wie die Hoffnung, jede Steuersenkung finanziere sich vollständig durch Wachstum.


Sachsen-Anhalt: Fünf Wege, Familien zu entlasten

Die Bundespolitik verändert Steuern und Versicherungen. Das Land greift an anderen Stellen in den Alltag ein.

Übersichtstabelle mit fünf Zeilen. Was CDU, AfD, SPD, Grüne und Linke in Sachsen-Anhalt für Familien versprechen, unterschieden nach einmaliger Leistung, monatlicher Zahlung, Sachleistung und Personal, mit Beispielrechnungen für zwei Kinder.
Fünf Wege, Familien zu entlasten: Eine einmalige Steuerbefreiung, eine monatliche Überweisung, zwei Sachleistungen und einmal Personal – vergleichbar sind diese Versprechen nicht. Quellen: Landesprogramme zur Landtagswahl am 6. September 2026.

CDU: keine Grunderwerbsteuer beim ersten Eigenheim auf dem Land

Die Grunderwerbsteuer soll beim erstmaligen Erwerb selbstgenutzten Wohneigentums im ländlichen Raum entfallen. Bei 300.000 Euro Kaufpreis spart eine Familie einmalig 15.000 Euro – fünf Prozent des Kaufpreises, die sonst als Eigenkapital vorhanden sein müssen, weil Banken die Nebenkosten in der Regel nicht mitfinanzieren.

Beide Vergleichsfamilien können profitieren, wenn sie kaufen. Für die 40.000-Euro-Familie bleibt die größere Hürde allerdings der Kaufpreis selbst und der Kredit. Die 400.000-Euro-Familie kann die Entlastung leichter nutzen. Konkrete Euro-Zusagen für Kita, Betreuung oder Familienleistungen nennt das CDU-Programm nicht; es spricht von „flächendeckender, qualitativ hochwertiger und bezahlbarer Kinderbetreuung“.

AfD: Babybonus und Landeskindergeld – aber nur für deutsche Eltern

Die AfD Sachsen-Anhalt wird in ihrem Regierungsprogramm vom Juli 2026 sehr konkret. Sie verspricht einen einmaligen Babybonus von 2.000 Euro je Kind, ab dem dritten Kind 4.000 Euro. Dazu soll ein Landeskindergeld kommen: 50 Euro im Monat für das erste Kind, 150 Euro für das zweite, 250 Euro für jedes weitere.

Für eine Familie mit zwei Kindern wären das 200 Euro im Monat, 2.400 Euro im Jahr – gemessen an 40.000 Euro Brutto ein spürbarer Betrag, gemessen an 400.000 Euro ein Rundungsfehler. Es ist die einzige Landesleistung im gesamten Vergleich, die für die ärmere Familie relativ mehr wiegt als jede Steuersenkung im Bundesprogramm derselben Partei.

An eine Bedingung ist beides geknüpft: Mindestens ein Elternteil muss die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Die Verfassungsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf hält das für einen Verfassungsverstoß; wenn der Staat Familien fördere, könne er das nicht auf deutsche Kinder oder deutsche Eltern beschränken. Für beide Vergleichsfamilien heißt das nüchtern: Eine Leistung, die vor Gericht keinen Bestand hat, ist keine Leistung, sondern ein Versprechen mit Verfallsdatum.

Und die zweite offene Frage bleibt ohnehin: Ob eine Prämie tatsächlich zu mehr Geburten führt, ist unter Fachleuten strittig. Kinderwünsche hängen auch an Wohnung, Betreuung, Arbeitsplatz, Partnerschaft und Zukunftssicherheit.

SPD: kostenloses Mittagessen, Beitragsfreiheit als Fernziel

Die SPD Sachsen-Anhalt setzt sich für „ein kostenloses, gesundes und warmes Mittagessen für alle Kinder und Jugendlichen in Kita und Schule“ ein. Ein Deutschlandticket für alle Schülerinnen und Schüler soll die Mobilität sichern. Kurzfristig soll die Entlastung von Eltern mit mehreren Kindern gesichert werden; die vollständige Beitragsfreiheit nennt das Programm ausdrücklich als Ziel, nicht als Zusage – ohne Zeitplan und ohne Betrag.

Das ist ehrlicher als eine Zahl, die niemand belegt, aber für eine Familie schwerer zu rechnen. Ein warmes Mittagessen kostet in Sachsen-Anhalt je nach Träger rund vier Euro am Tag; bei zwei Kindern und 190 Schultagen sind das gut 1.500 Euro im Jahr, die wegfielen. Für die 40.000-Euro-Familie sind das knapp vier Prozent des Bruttoeinkommens. Für die 400.000-Euro-Familie sind es 0,4 Prozent – dieselbe Leistung, ein Zehntel des Gewichts.

Kostenlose und verlässliche Betreuung hat zudem eine zweite Wirkung: Eltern können mehr arbeiten. Die OECD zählt besseren Zugang zu Kinderbetreuung zu den Reformen, die Deutschlands Wachstum langfristig stärken können.

Grüne: bessere Leistung statt fester Überweisung

Die Grünen setzen auf Personal statt auf Prämien: höhere Investitionen und mehr Fachkräfte in Kitas und Schulen, verlässliche und wohnortnahe Betreuung, dazu Klimaneutralität des Landes bis 2035. Das erscheint nicht als Geld auf dem Konto. Es kann aber Zeit, Fahrkosten und private Ersatzlösungen sparen – und wirkt für beide Familien gleich, weil eine Kita-Gruppe für alle Kinder dieselbe Größe hat.

Der praktische Vorbehalt ist an dieser Stelle nüchtern zu benennen: Nach den Umfragen von Ende Juli und August 2026 liegen die Grünen mit rund 4,6 Prozent an der Fünfprozenthürde. Ob dieses Programm überhaupt in ein Parlament einzieht, ist offen.

Linke: öffentliche Leistungen als Teil des Familieneinkommens

Die Linke fordert beitragsfreie Kitas, mehr Personal in Kitas und Schulen, eine Ganztagsgarantie an öffentlichen Schulen sowie den Ausbau bezahlbaren Wohnraums. Kostenlose oder sehr günstige Betreuung, Schulessen, Nahverkehr und wohnortnahe Versorgung sollen Ausgaben ersetzen, die Familien sonst selbst tragen.

Der wirtschaftliche Unterschied zur Barleistung ist grundsätzlich: Eine Überweisung lässt der Familie die Wahl, wofür sie das Geld nutzt. Eine kostenlose öffentliche Leistung bindet das Geld an einen Zweck, kann dafür aber allen dieselbe Qualität sichern – und sie erreicht auch die Familie, die von einem Antragsformular nichts weiß.

Was der Landtag nicht kann

Ein Satz zur Einordnung, der für alle fünf Parteien gilt: Über Einkommensteuer, Soli, Kindergeld, Krankenkassenbeiträge, Rente, Vermögen- und Erbschaftsteuer entscheidet der Bundestag, nicht der Magdeburger Landtag. Was am 6. September gewählt wird, sind Kita-Gebühren, Schulessen, Schülerbeförderung, Krankenhausplanung, Polizeistellen, Finanzämter – und die Grunderwerbsteuer. Wer die großen Zahlen aus den Bundesprogrammen in die Wahlkabine trägt, sollte wissen, dass sie dort nicht abgestimmt werden.


Die Staatskasse: Wer nennt eine Einnahme – und wer hinterlässt eine Lücke?

Senkrechtes Balkendiagramm mit Nulllinie. Wirkung der Wahlprogramme auf die Staatskasse in Milliarden Euro pro Jahr: Die Linke plus 46,0, Grüne plus 4,3, SPD plus 1,2, CDU/CSU minus 47,0, AfD minus 97,0.
Wer dem Staat Geld bringt – und wer ein Loch hinterlässt. Erfasst sind nur Steuer- und Sozialänderungen, die sich mit einheitlichen Regeln berechnen ließen. Quelle: ZEW, Februar 2025.

Linke: plus 46 Milliarden Euro im ZEW-Vergleich

Das Plus entsteht vor allem aus höheren Steuern auf sehr hohe Einkommen, Kapitalerträge und große Vermögen. Kapitalerträge sind Einnahmen aus Geldanlagen, etwa Zinsen, Dividenden oder Gewinne beim Verkauf von Wertpapieren. Diese Einnahmen übersteigen im berechneten Teil die Ausgaben für Kindergeld, staatliche Unterstützung für Menschen mit sehr geringem Einkommen, Klimageld und Entlastungen kleiner Einkommen. Das Klimageld soll Einnahmen aus dem CO₂-Preis an die Bevölkerung zurückgeben.

Für das Gesamtprogramm nennt Die Linke eine eigene Jahresrechnung:

  • 160 Milliarden Euro für Schulen, Verkehr, Wohnen, Kliniken und digitale Netze,
  • 65 Milliarden Euro für Klima und Industrieumbau,
  • 178 Milliarden Euro für Rente, Grundsicherung, Kinder, Bildung, Nahverkehr und weitere soziale Aufgaben.

Zusammen: 403 Milliarden Euro.

Finanzieren will die Partei dies mit:

  • 260 Milliarden Euro zusätzlichen Steuern,
  • 30 Milliarden Euro Einsparungen,
  • 113 Milliarden Euro zusätzlichen Einnahmen durch mehr Wachstum, Beschäftigung, Steuern und Sozialbeiträge.

Die 260 Milliarden Euro Steuerplus setzen sich nach Parteirechnung zusammen aus:

  • 108 Milliarden Euro Vermögensteuer,
  • 17 Milliarden Euro aus Erbschaften und Schenkungen,
  • 26 Milliarden Euro jährlich aus einer zeitlich gestreckten Vermögensabgabe,
  • 42 Milliarden Euro höheren Unternehmenssteuern,
  • 20 Milliarden Euro aus einer Steuer auf außergewöhnlich hohe Krisengewinne,
  • 18 Milliarden Euro Gemeindewirtschaftsteuer,
  • 36 Milliarden Euro Finanztransaktionssteuer,
  • 18 Milliarden Euro durch schärferes Vorgehen gegen Steuerhinterziehung,
  • abzüglich sechs Milliarden Euro Entlastung bei der Einkommensteuer,
  • abzüglich 19 Milliarden Euro durch die Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel und Hygieneartikel.

Hinter diesen Namen stehen sehr unterschiedliche Zahlungen:

  • Vermögensteuer: Sie wäre jedes Jahr auf sehr großen Besitz oberhalb hoher Freibeträge fällig. Der Monatslohn selbst wird damit nicht besteuert.
  • Vermögensabgabe: Sie wäre eine zusätzliche, zeitlich begrenzte Zahlung der reichsten 0,7 Prozent. Die Linke will die Summe über 20 Jahre verteilen. Sie kommt zur jährlichen Vermögensteuer hinzu.
  • Gemeindewirtschaftsteuer: Sie soll die heutige Gewerbesteuer verbreitern. Unternehmen zahlen die Gewerbesteuer auf ihren Gewinn an ihre Stadt oder Gemeinde. Die Linke will auch gutverdienende Selbstständige und freie Berufe einbeziehen. Kleinere Betriebe sollen einen Freibetrag von 30.000 Euro erhalten. Das Geld fließt an die Kommunen und finanziert ihre allgemeinen Aufgaben.
  • Finanztransaktionssteuer: Bei Geschäften an den Finanzmärkten sollen 0,1 Prozent fällig werden. Bei einem Wertpapiergeschäft über 100.000 Euro wären das 100 Euro. Eine normale Überweisung oder das Bezahlen im Supermarkt ist damit nicht gemeint.
  • Steuer auf Krisengewinne: Sie soll Unternehmen treffen, die durch eine außergewöhnliche Krise ungewöhnlich hohe Zusatzgewinne erzielen. Ein Gesetz müsste genau festlegen, welcher Gewinn normal und welcher tatsächlich durch die Krise entstanden ist.

Die Rechnung geht auf dem Papier auf. Unsicher sind vor allem die 113 Milliarden Euro aus erwartetem Wachstum sowie die tatsächliche Höhe der neuen Steuereinnahmen. Eine Steuer kann Verhalten verändern; genau deshalb lässt sich ihr Ertrag nicht einfach aus dem heutigen Vermögen hochrechnen.

Grüne: plus 4,3 Milliarden Euro

Hohe Einkommen, Kapitalerträge und Milliardenvermögen finanzieren Steuernachlässe für niedrige Einkommen, Mindestlohn und Klimageld. Das Plus bezieht sich nur auf den berechneten Teil. Große Investitionsprogramme fehlen darin.

SPD: plus 1,2 Milliarden Euro

Zusätzliche Einnahmen von Spitzenverdienern, Kapitaleinkommen und großen Vermögen decken die berechneten Entlastungen nahezu. Auch hier fehlen große Investitionen und viele Einzelmaßnahmen.

CDU/CSU: minus 47 Milliarden Euro

Der wegfallende Solidaritätszuschlag, niedrigere Einkommensteuern, höhere Familienfreibeträge und weitere Entlastungen kosten mehr, als neue Einnahmen bringen. Wachstum soll einen Teil zurückholen. Das DIW hält nur ungefähr ein Viertel seiner breiter berechneten Ausfälle für auf diese Weise finanzierbar.

AfD: minus 97 Milliarden Euro

Höhere Freibeträge, Familiensplitting und der wegfallende Solidaritätszuschlag verursachen die größte Lücke im ZEW-Vergleich. Das DIW schätzt, dass Wachstum etwa 18 Prozent seiner breiteren Ausfälle ausgleichen könnte. Erbschaftsteuer, weitere Unternehmens- und Energieentlastungen sind in den 97 Milliarden noch nicht vollständig enthalten.

Warum das DIW auf noch größere Löcher kommt

Das DIW berücksichtigt mehr Steuerarten. Es kommt auf 110,6 Milliarden Euro Ausfall bei CDU/CSU und 181,2 Milliarden bei der AfD. Bei SPD und Grünen entstehen in der breiteren reinen Steuerrechnung zunächst Ausfälle von 11,4 beziehungsweise 39,4 Milliarden Euro – bei den Grünen allerdings mit der höchsten Selbstfinanzierungsquote aller Programme von rund 52 Prozent, was das DIW vor allem auf die Investitionsprämie zurückführt. Das Linken-Programm hat das DIW nicht berechnet.

Waagerechte Balken, jeweils zweigeteilt. Steuerausfälle der Programme nach DIW-Rechnung und der Anteil, den Wachstum zurückholt: AfD 181,2 Milliarden Euro bei 18 Prozent Selbstfinanzierung, CDU/CSU 110,6 Milliarden bei 28 Prozent, Grüne 39,4 Milliarden bei 52 Prozent, SPD 11,4 Milliarden.
Die Hoffnung heißt Wachstum: Je länger der blasse Teil, desto größer die Summe, die durch Kürzungen, Schulden oder kleinere Steuersenkungen aufgebracht werden müsste. Quelle: DIW aktuell 106, Februar 2025.

Das ist kein Widerspruch zum ZEW. Die Institute rechnen verschiedene Teile der Programme. Ihre Zahlen dürfen nicht addiert werden.

Die belastbare Einordnung: Für kein Programm gibt es eine unabhängig bestätigte vollständige Gesamtrechnung. Linke, SPD und Grüne benennen jedoch zusätzliche Einnahmen bei hohen Einkommen und Vermögen. CDU/CSU und AfD versprechen sehr große Steuersenkungen, ohne gleich große, sicher bezifferte Einnahmen oder Kürzungen zu nennen.


Rente: Welche Familie kann privat vorsorgen?

2026 liegt der Beitrag zur gesetzlichen Rentenversicherung bei 18,6 Prozent. Beiträge werden nur bis 101.400 Euro Jahreseinkommen je Beschäftigtem erhoben – 8.450 Euro im Monat.

Die 40.000-Euro-Familie zahlt damit auf ihr gesamtes Arbeitseinkommen Rentenbeiträge. Für die 400.000-Euro-Familie hängt es von der Verteilung auf beide Erwachsenen ab. Einkommen oberhalb der Beitragsgrenze erzeugt keine weiteren gesetzlichen Rentenbeiträge und keine zusätzlichen Ansprüche.

Linke

Das Rentenniveau soll auf 53 Prozent steigen, eine Mindestrente von 1.400 Euro entstehen und mehr Berufsgruppen sollen einzahlen. Das erhöht die gesetzliche Sicherheit, kostet aber zusätzliche Beiträge oder Steuern. Hohe Einkommen würden stärker einbezogen.

SPD

Die gesetzliche Rente soll stabil bleiben und auf eine breitere Basis gestellt werden. Die Kosten des demografischen Wandels bleiben: Weniger Erwerbstätige finanzieren mehr Rentnerinnen und Rentner.

Grüne

Die gesetzliche Rente soll verbreitert und durch einen staatlich organisierten Kapitalfonds ergänzt werden. Kapitalanlage kann langfristig Rendite bringen und die Finanzierung verteilen. Sie trägt aber Börsenrisiken.

CDU/CSU und AfD

Beide setzen stärker auf zusätzliche private Vorsorge und Kapitalanlagen. Das gibt Menschen mit hohem Einkommen mehr eigene Gestaltung. Die 400.000-Euro-Familie kann leichter regelmäßig investieren und Verluste aussitzen. Für die 40.000-Euro-Familie ist der Haken simpel: Geld, das am Monatsende fehlt, kann nicht in Aktien oder Fonds fließen.


Koalitionen: Am Wahltag endet das reine Parteiprogramm

Zwei Wochen vor der Wahl entscheidet in Sachsen-Anhalt nicht mehr das Programm, sondern die Arithmetik. Keine Partei ist in der Nähe einer absoluten Mehrheit – und die Zahl der überhaupt möglichen Bündnisse ist klein.

Der Stand am 22. August 2026 im gewichteten Mittel aller Institute: AfD 42,1 Prozent, CDU 23,0, Die Linke 13,1, SPD 6,5, Grüne 4,6, BSW 4,3, FDP 2,9. Die Einzelumfragen bestätigen das Bild: pollytix (8. August 2026), INSA (6. August) und Infratest dimap (28. Juli) sehen die AfD zwischen 41 und 43, die CDU zwischen 22 und 24 Prozent.

Drei Punkte daraus sind für beide Familien wichtiger als jede Programmzeile.

Erstens die Fünfprozenthürde. Grüne, BSW und FDP liegen darunter oder haarscharf darauf. Ob sie in den Landtag einziehen, verschiebt die Mehrheiten erheblich – ohne dass ein einziger Wähler seine Meinung ändern müsste. Grüne Programmpunkte wie das Klimageld sind auf Landesebene damit ohnehin nicht das Entscheidende; auf Bundesebene bleiben sie es.

Zweitens die Ausschlüsse. Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) hat eine Koalition sowohl mit der AfD als auch mit der Linken ausgeschlossen. Eine von der Linken tolerierte Minderheitsregierung hat er offengelassen. Die AfD ist mit rund 42 Prozent zwar mit Abstand stärkste Kraft, aber ohne Partner.

Drittens die schmale Restmenge. Nach den Sitzprojektionen führt der einzige Weg zu einer Mehrheit ohne AfD über CDU, Linke und SPD gemeinsam – ein Bündnis, das rechnerisch genau an der 50-Prozent-Grenze liegt und politisch drei Parteien zusammenspannen müsste, von denen zwei einander ausgeschlossen haben.

Die Programme zeigen die Richtung. Umgesetzt wird am Ende ein Koalitionsvertrag. Deshalb die folgenden Szenarien – nach Wahrscheinlichkeit sortiert, nicht nach Sympathie.

CDU, Linke und SPD: das einzige rechnerische Bündnis ohne AfD

Dieses Dreierbündnis kommt in den aktuellen Projektionen auf gut die Hälfte der Sitze. Es wäre keine bequeme Regierung, sondern eine Notgemeinschaft mit Mehrheiten im Bereich von ein bis zwei Stimmen.

Für die 40.000-Euro-Familie hieße das: Die Linke brächte Kita-Beitragsfreiheit, Schulessen und Nahverkehr in den Vertrag, die SPD das kostenlose Mittagessen und die Entlastung von Mehrkindfamilien. Die CDU würde die Grunderwerbsteuerbefreiung beim ersten Eigenheim durchsetzen und alles blockieren, was nach Vermögensteuer klingt – die ohnehin im Bund entschieden wird.

Für die 400.000-Euro-Familie hieße das: auf Landesebene wenig Veränderung. Ihre großen Posten – Spitzensteuersatz, Soli, Erbschaft, Vermögen – liegen alle beim Bund. Kauft sie im ländlichen Raum ein Eigenheim, spart sie fünf Prozent Grunderwerbsteuer wie jede andere Familie auch.

CDU und SPD allein: die alte Konstellation ohne Mehrheit

Zusammen kämen beide auf etwa 30 Prozent. Das reicht nicht. Die seit 2021 amtierende Koalition aus CDU, SPD und FDP verliert ihre Grundlage schon deshalb, weil die FDP mit rund 2,9 Prozent klar unter der Hürde liegt.

Auf Bundesebene bleibt Schwarz-Rot allerdings die real regierende Konstellation. Der 2025 geschlossene Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD enthält weder eine Vermögensteuer noch die von der SPD gewünschte gemeinsame Krankenversicherung. Für beide Familien bedeutet das schon heute: weniger Umverteilung als im SPD-Programm, weniger Steuersenkung als im Unionsprogramm.

AfD allein: nur mit absoluter Mehrheit

Mit rund 42 Prozent ist die AfD stärkste Kraft, von einer absoluten Mehrheit aber zehn Prozentpunkte entfernt. Da alle anderen Parteien eine Koalition ausschließen, könnte sie ihr Programm nur allein regierend umsetzen.

Für die 400.000-Euro-Familie wäre eine AfD-Alleinregierung steuerlich besonders günstig – wobei der größte Teil dieses Vorteils aus dem Bundesprogramm stammt und in Magdeburg gar nicht beschlossen werden könnte. Für die 40.000-Euro-Familie hängen die möglichen Vorteile stärker an Energiepreisen, Arbeitsplatz, öffentlichen Leistungen und den wirtschaftlichen Folgen eines Euro- und EU-Umbaus – und damit an genau den Größen, die die DIW-Szenariorechnung für Sachsen-Anhalt mit minus 6,2 Prozent verfügbarem Einkommen beziffert.

Das ist der eigentliche Kern der Landtagswahl: Ein Landtag beschließt keine Einkommensteuer. Er beschließt Kita-Gebühren, Schulessen, Nahverkehr, Krankenhausplanung, Polizeistellen und die Grunderwerbsteuer. Wer sein Kreuz wegen des Spitzensteuersatzes setzt, wählt am 6. September das falsche Parlament.

SPD, Grüne und Linke: rechnerisch ausgeschlossen

Hier wäre die Umverteilung zugunsten der 40.000-Euro-Familie am stärksten. In Sachsen-Anhalt kommen die drei zusammen aber auf rund 24 Prozent – die Grünen wahrscheinlich nicht einmal in den Landtag. Dieses Bündnis ist in diesem Land derzeit keine Option, sondern eine Rechenübung.


Was bleibt am Ende für beide Familien?

Die 40.000-Euro-Familie

Sie gewinnt unmittelbar am stärksten bei der Linken, moderat bei SPD und Grünen und nur wenig bei CDU/CSU. Bei der AfD ist das unmittelbare Ergebnis wegen des Wohngeldes unsicher.

Sie profitiert besonders von:

  • höherem Mindestlohn,
  • Kindergeld und niedrigen Steuern,
  • kostenlosen oder günstigen Kitas, Schulessen und Nahverkehr,
  • stabilen Krankenkassenbeiträgen,
  • guten öffentlichen Schulen und Kliniken.

Sie trägt besondere Risiken durch:

  • Preissteigerungen nach höheren Lohn-, Energie- oder Unternehmenskosten,
  • weniger Neueinstellungen,
  • Kürzungen öffentlicher Leistungen zur Finanzierung von Steuersenkungen,
  • Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Verwerfungen.

Die 400.000-Euro-Familie

Sie gewinnt steuerlich am stärksten bei AfD und CDU/CSU. Bei SPD und Grünen zahlt sie eher mehr, bei der Linken am meisten.

Sie profitiert besonders von:

  • niedrigeren Spitzen- und Unternehmenssteuern,
  • abgeschafftem Solidaritätszuschlag,
  • Schutz oder Abschaffung von Vermögen- und Erbschaftsteuer,
  • privaten Anlage- und Vorsorgemöglichkeiten.

Sie trägt besondere Risiken durch:

  • höhere Spitzensteuern,
  • Steuern auf Kapital, Vermögen, Erbschaften oder Unternehmen,
  • Kurs-, Standort- und Investitionsrisiken,
  • einen möglichen Umbau von Euro und EU.

Der entscheidende Unterschied

Die 40.000-Euro-Familie ist stärker von öffentlichen Leistungen, Lohn, Miete, Preisen und einem sicheren Arbeitsplatz abhängig. Die 400.000-Euro-Familie kann mehr sparen, privat vorsorgen und manche staatliche Leistung ersetzen. Sie hat aber auch mehr Einkommen und häufig mehr Vermögen, das besteuert, investiert oder durch wirtschaftliche Umbrüche gefährdet werden kann.

Keine Partei macht deshalb „für Familien“ Politik, ohne eine Verteilungsentscheidung zu treffen. Jede entscheidet, welche Familie stärker gewinnt, welche stärker zahlt – und welches wirtschaftliche Risiko sie dafür in Kauf nimmt.

Die Linke setzt auf den größten Ausgleich und den stärksten Staat. SPD und Grüne auf moderaten Ausgleich, Mindestlohn und gezielte Investitionen. Die CDU/CSU auf niedrigere Steuern, Unternehmen und Wachstum. Die AfD auf die weitreichendste Entlastung hoher Einkommen und Vermögen sowie einen grundsätzlichen Umbau von Energie-, Migrations-, Euro- und Europapolitik.

Auch beim Geld, das dem Staat durch Betrug und Steuermodelle entgeht, sind die Schwerpunkte verschieden: Die Linke legt das detaillierteste Programm gegen Steuerflucht und Gewinnverschiebung vor. SPD und Grüne nennen konkrete Schlupflöcher, Behörden und internationale Regeln. Die Union setzt stärker auf digitale Kontrollen, schnellere Prüfungen und Finanzkriminalitätsbekämpfung. Die AfD setzt vor allem auf niedrigere Steuern als Mittel gegen Schattenwirtschaft und legt kein vergleichbares Paket gegen internationale Gewinnverschiebung vor.

Die Wahl entscheidet damit nicht nur darüber, wie viel Geld am Monatsende bleibt. Sie entscheidet auch darüber, welche Rechnung Deutschland morgen bezahlt: höhere Steuern, weniger Leistungen, mehr Schulden, mehr private Verantwortung – oder mögliche Folgen für Investitionen, Preise und Arbeitsplätze.


Originalprogramme der Parteien

AfD

CDU/CSU

SPD

Bündnis 90/Die Grünen

Die Linke

Übersicht aller antretenden Parteien


Berechnungen, Fachquellen und aktuelle Daten


Hinweis zum Stichtag

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt findet am 6. September 2026 statt. Dieser Text hat den Stand vom 22. August 2026 – zwei Wochen und einen Tag vor dem Wahltag.

Verwendet werden die im Frühjahr und Sommer 2026 beschlossenen sachsen-anhaltischen Landesprogramme sowie die Bundestagswahlprogramme von 2025, weil für letztere unabhängige Berechnungen von ZEW und DIW vorliegen. Die Bundesprogramme sind keine Landesprogramme: Was dort an Steuersätzen, Freibeträgen und Sozialbeiträgen steht, entscheidet der Bundestag. Der Landtag in Magdeburg entscheidet über Kita, Schule, Nahverkehr, Krankenhausplanung, Polizei und Grunderwerbsteuer.

Die genannten Umfragewerte sind Momentaufnahmen, keine Prognosen. Sie haben eine Fehlertoleranz von mehreren Prozentpunkten – gerade bei Parteien an der Fünfprozenthürde entscheidet das über Einzug oder Nichteinzug. Sollten nach Redaktionsschluss Programmänderungen, neue Umfragen oder Koalitionsaussagen hinzukommen, müssen die entsprechenden Passagen aktualisiert werden.