Bettelmafia Rumänien

Verkannt und stigmatisiert: Das Leben der Menschen hinter dem „Bettelmafia“-Mythos

Andrei, Mihai, Nicolae, Elena, Ioana, Aylin, Jürgen |

Über einen Zeitraum von neun Monaten ist ein Team aus sieben hierfür ehrenamtlich arbeitenden Journalistinnen und Journalisten aus Deutschland, Rumänien und der Türkei intensiv der Wahrheit hinter einem viel diskutierten und oft missverstandenen Thema nachgegangen: der Bettelei von rumänischen Familien in deutschen Städten. Ziel unserer Recherche war es, herauszufinden, welche Ursachen hinter diesem Phänomen stehen, ob es sich dabei um organisierte kriminelle Strukturen handelt – wie häufig behauptet – oder ob vielmehr Armut, Ausgrenzung und der verzweifelte Kampf ums Überleben die treibenden Kräfte sind. Dazu haben wir zahlreiche Familien in ihren Herkunftsdörfern in Rumänien besucht, sind bettelnden Menschen in deutschen Städten oft über mehrere Tage hinweg gefolgt und durften tiefe Einblicke in ihren Alltag erhalten. Zusätzlich haben wir mit Sozialwissenschaftler*innen, Polizist*innen, Hilfsorganisationen und weiteren Expert*innen gesprochen. Diese Reportage ist das Ergebnis unserer gemeinsamen Arbeit. Sie will Klischees hinterfragen, differenzieren und vor allem den Menschen eine Stimme geben, deren Schicksale oft übersehen oder falsch interpretiert werden...

Ein kleiner Bach im Nirgendwo südlich von Bukarest trennt zwei Welten. Auf der einen Seite rumpeln Ochsenkarren durch Matsch und Staub, Kinder spielen zwischen zerfallenen Blechhütten, auf der anderen beginnt die lange, ungewisse Reise nach Deutschland – in die Fußgängerzonen von München, Nürnberg, Augsburg. Wer hier lebt, kennt diesen Weg gut. „Wenn wir bleiben, verhungern wir“, sagt Dorinaș leise. Die Mutter von fünf Kindern sitzt auf einem wackeligen Holzschemel vor ihrem Wellblechverschlag. Kein Strom, keine Heizung, kein fließendes Wasser. Ihre müden Augen ruhen auf der kargen Erde, die schon lange nichts mehr hergibt.

Bettelmafia Rumänien

Das Leben in vergessenen Dörfern südlich von Bukarest

Diese Dörfer, oft ohne befestigte Straßen, mit kaum erreichbarer Infrastruktur, sind für viele Familien der Ausgangspunkt ihrer Reise. Wir haben erlebt, wie ganze Familien – bis zu 30 Menschen aus einem einzigen Ort – regelmäßig nach München fahren, um dort zu betteln. „Hier gibt es keine Arbeit und keine Unterstützung“, erzählt uns eine Mutter, die zwischen Rumänien und Bayern pendelt. „In Deutschland schlafen wir unter der Brücke, niemand lebt dort im Luxus. Wir tun das, weil wir keine Wahl haben. Unsere Kinder müssen überleben.“

Nechita, 71 Jahre alt und aus einem solchen Dorf, sagt mit Tränen in den Augen: „Was soll ein alter Mann schon machen? Zum Arbeiten will mich keiner mehr. Das Betteln bleibt mir als einziger Ausweg.“ Wie er leben viele in diesen Regionen – vergessen, ausgeschlossen vom Wohlstand, getrieben vom Kampf ums nackte Überleben mitten im neuen Europa.

Bettelmafia Rumänien

Tufano: Auf dem Weg vom Dorf zur Diaspora

Der Bürgermeister Tufanos, ein kleines Dorf, im nordwesten Rumäniens gelegen, schildert nüchtern die Realität: „Früher hatten wir 460 Sozialhilfeempfänger, heute sind es nur noch 100.“ Wo sind die anderen? Sie sind fort, in Deutschland oder anderswo, um zu arbeiten – oder zu betteln. Einige Familien bleiben zurück, meist mit ihren Kindern, die von Großeltern oder Verwandten betreut werden. Das Dorf schrumpft, altert – und stirbt langsam, während seine Einwohner in den westlichen Fußgängerzonen um das tägliche Brot kämpfen.

Cidreag im Nordosten: Leben am Rand der Gesellschaft

Im Nordosten Rumäniens liegt Cidreag – eine Gegend, in der kaum jemand leben möchte. Wir haben gesehen, dass viele Häuser kein fließendes Wasser haben, Strom ist knapp, und Perspektiven sind rar. Das „Buki-Haus“ bietet den Kindern wenigstens einen Ort zum Lernen, Essen und Spielen – eine kleine Oase im rauen Alltag. Seit der Gründung im Januar 2011 empfängt es täglich rund 25–30 Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen. Das Angebot bietet neben Essen und Hygiene auch Begleitung bei Arztbesuchen und Schulwegen – verbunden mit sozialpädagogischer Förderung und Alphabetisierung. Für viele Kinder ist es der einzige geschützte Raum in ihrem Alltag.

Doch selbst diese Hilfe reicht nicht aus, die Familien dauerhaft im Dorf zu halten. Viele verlassen Cidreag regelmäßig, um durch Bettelei oder Gelegenheitsjobs im Ausland – häufig in Deutschland – an Geld zu kommen. Die Männer arbeiten auf Baustellen, die Frauen gehen betteln.

Bettelmafia Rumänien

Die Realität fernab von „Bettelmafia“-Klischees

In deutschen Medien kursiert oft das Bild einer „rumänischen Bettelmafia“ – einer zentral organisierten, kriminellen Struktur, die Menschen zum Betteln zwingt und das Geld einsammelt. Doch unsere umfangreichen Recherchen, die intensive Gespräche mit Sozialwissenschaftlern, Polizeibehörden und Hilfsorganisationen umfassen, zeigen ein anderes Bild: Die meisten Betroffenen sind keine Opfer mafiöser Netzwerke, sondern Familien oder Dorfgemeinschaften, die gemeinsam ums Überleben kämpfen.

Während unserer monatelangen verdeckten Beobachtungen in Bayerns Innenstädten fanden wir keinerlei Hinweise auf mafiöse Strukturen. Kein Geld wurde im Hintergrund abgeholt oder systematisch verteilt. Stattdessen beobachteten wir vor allem Familienverbände oder kleine Gruppen, die zusammenhalten und gemeinsam zum Auskommen beitragen.

Wir haben dokumentierte Fälle von Ausbeutung gefunden, bei denen Menschen mit falschen Versprechungen ins Ausland gelockt wurden und dort – manchmal unter Gewalt oder Drohungen – zur Bettelei gezwungen wurden. Manche mussten Standplätze bezahlen oder Einnahmen an Hintermänner abgeben. Doch diese Fälle sind Ausnahmen und machen nur einen verschwindend kleinen Teil aus. Lediglich vier Prozesse deutscher Gerichte in den letzten 20 Jahren konnten wir sicher verifizieren, in denen psychologischer Druck und körperliche Gewalt im Kleinbandenkontext eine Rolle gespielt haben.

Nr.Gericht (Aktenzeichen)Delikt / TatvorwurfOnline-Nachweis / QuelleHinweis Gerichtsakte / Kontakt
1LG München I (7 KLs 391 Js 205728/10)Menschenhandel/Nötigung: Bettelprozess gegen drei rumänische HintermännerSüddeutsche Zeitung, 21.12.2010, „Landgericht München I – Zum Betteln gezwungen“ (Artikel-Link)Pressestelle LG München I, Tel. 089 / 5597-3055, Altakten auf Anfrage einsehbar
2LG Berlin (501 Ks 9/21)Menschenhandel zur Ausbeutung der Bettelei (13- und 14-jährige Opfer)Tagesspiegel/Newsletter „Berlin heute“, 08.07.2019 (Checkpoint-Link); Urteil v. 22.2.2022, Strafen bis 9 JahrePressestelle LG Berlin I, Littenstr. 12-17, 10179 Berlin, pressestelle-lg-berlin@kg.berlin.de
3BGH (3 StR 186/18)Menschenhandel zur Bettelei – revisionsrechtliche LeitentscheidungBGH Pressemitteilung Nr. 128/2018; Volltext & amtliche Leitsätze: Jurisdejure.orgBGH Karlsruhe, schriftliche Anfrage mit Az. 3 StR 186/18; amtl. Veröffentlichung im Internet
4AG Frankfurt a. M. (9310 Js 234090/02)Menschenhandel/Bettelei (2004)FAZ, 26.02.2004, S.54: „Mit Gewalt zum Sammeln gezwungen“ (Print-Archiv); rückblickend: FAZ, 16.02.2008, „Osteuropäische Banden: Der Weg der demütigen Bettler“ (FAZ.net)Pressestelle AG Frankfurt, Tel. 069 / 1367‑01, pressestelle@ag-frankfurt.justiz.hessen.de (Akten nur analog)

Die große Mehrheit sind Wanderbettler oder arme Familien, die keinen anderen Ausweg sehen.

Warum eine organisierte „Bettelmafia“ wirtschaftlich kaum Sinn macht

Aus kriminalökonomischer Sicht ist die Bettelei als Geschäftsmodell für organisierte Strukturen höchst unattraktiv und ineffizient. Um mit Betteln relevante Gewinne zu erzielen, bräuchte es eine enorme Anzahl von Menschen, die kontrolliert, eingesammelt und regelmäßig überwacht werden müssten – idealerweise über viele Jahre. Der durchschnittlich erzielbare Tagesertrag pro Bettler liegt meist nur im einstelligen bis niedrigen zweistelligen Eurobereich, was sich bei den hohen Organisationskosten kaum zu einem profitablen Netzwerk hochskalieren lässt.

Bettelmafia Rumänien

Im Vergleich dazu sind andere kriminelle Organisationen, beispielsweise Autodiebstahlsbanden oder Drogenhandelstrukturen, weitaus lukrativer. Professionelle Drogenkartelle erzielen oft Millionengewinne durch geringe Mengen hochpreisiger Substanzen mit überschaubarem Kontrollaufwand. Autodiebstahlsbanden können mit wenigen Mitteln nach einem einzelnen Diebstahl mehrere zehntausend Euro pro Deal erzielen.

Untersuchungen der europäischen Polizei (Europol) zeigen, dass großangelegte Menschenhandelsnetzwerke vor allem auf Bereiche wie Zwangsprostitution, Drogenhandel oder Schleusung spezialisiert sind, bei denen der Ertrag pro Opfer oder Einheit erheblich höher ist. Primär aus wirtschaftlicher Perspektive sind also breitflächige Bettelstrukturen weder sinnvoll noch gangbar – alleine schon wegen des enormen Kontroll- und Logistikaufwands bei vergleichsweise niedrigen Einnahmen.

Diese ökonomische Logik unterstützt die polizeiliche Einschätzung, dass die organisierte „Bettelmafia“ auf großer Skala ein Mythos bleibt und die meisten Bettlerfamilien autonom handeln – aus purer Not aber ohne die Last mafiöser Strukturen im Rücken.

Die Genese großer Not: Armut, Ausgrenzung und Migration

Die Ursachen für die Bettelei liegen tief verwurzelt in sozialer Armut und fehlenden Perspektiven. In den abgelegenen rumänischen Dörfern fehlen Arbeitsplätze, soziale Sicherungssysteme sind nahezu nicht existent. Diskriminierung und fehlende Bildungschancen sorgen dafür, dass viele Menschen keine Möglichkeit sehen, ihr Leben vor Ort zu verbessern.

Wie der Bürgermeister von Tufano erzählt, wandern viele ab, um finanziell irgendwie zu überleben. Oft gehen nur Erwachsene, aber häufig auch ganze Familien. Kinder bleiben meist bei Verwandten, wenn die Eltern keine Chance sehen, sie in der Ferne zu versorgen.

Bettelmafia Rumänien

Besonders dramatisches sind die Folgen die aus der Abwesenheit der Eltern wachsen. Liviu Oprescu-Klein, Mitarbeiter der rumänischen Hilfsorganisation „Somebody Cares“, schildert eine alarmierende Realität: In Rumänien gibt es etwa 80.000 Kinder, bei denen mindestens ein Elternteil im Ausland arbeitet. Bei weiteren 20.000 Kindern sind sogar beide Elternteile fern der Heimat. Diese Trennung hinterlässt tiefe Spuren. „Der Effekt davon, dass Kinder ohne ihre Eltern aufwachsen, ist katastrophal, das ist sehr schlecht“, sagt Oprescu-Klein. Er betont, dass der Fokus seiner Organisation darauf liegt, eben diesen Kindern zu helfen – denn wenn ihr Schicksal jetzt unbeachtet bleibt, werden die Folgen erst in zehn Jahren sichtbar sein.

Zwischen Stigmatisierung und Wirklichkeit

Immer wieder sehen wir, wie die Stigmatisierung der Bettler als Teil einer Mafia Vorurteile und Hass befeuern. Diese Menschen sind in Deutschland oft Diskriminierung und Ablehnung ausgesetzt, und gleichzeitig wissen viele nicht, was sie wirklich bewegt.

Unsere Recherchen zeigen: Es handelt sich bei den meisten dieser Menschen um Opfer von struktureller Gewalt, Armut und sozialer Ausgrenzung. Sie bewahren ihre Würde trotz des harten Lebens. „Für mich kommt es nicht infrage, Kinder zum Betteln zu schicken“, sagt Dorinaș, „aber ich verstehe, dass manche keine andere Wahl sehen.“

Andrei trafen wir an einem windigen Herbstnachmittag in der Fußgängerzone von München. Er saß am Rand, seinen Rucksack dicht neben sich, und beobachtete die Passanten mit müden Augen. Nach einem vorsichtigen Gespräch öffnete er sich und erzählte uns, wie er das Betteln für sich „professionalisiert“ hat – und warum er manchmal vorgibt, behindert zu sein: „Weißt du, am Anfang habe ich einfach nur meine Hand hingehalten, aber die Leute haben mich kaum beachtet. Viele laufen vorbei, ohne hinzusehen. Irgendwann habe ich gemerkt: Wenn ich so tue, als hätte ich eine Behinderung, dann bleiben mehr Menschen stehen, manche haben Mitgefühl, andere vielleicht auch nur Mitleid – aber sie geben eher etwas. Ich setze mich auf den Boden, bewege das Bein nicht, manchmal ziehe ich das Gesicht ein bisschen schief und vermeide, direkt in die Augen zu schauen. Es ist nicht einfach, das tagelang durchzuhalten, es tut alles weh am Abend.
Ich weiß, dass es nicht richtig ist, so zu tun, als wäre ich krank oder behindert. Aber was bleibt mir hier? Es gibt keine Arbeit. Ich muss meine Familie ernähren. Wir wechseln manchmal, einer spielt krank, die anderen gehen weiter. In meinem Dorf gibt es ein Sprichwort: Wer nichts vorzeigen kann, bekommt auch nichts. So ist das. Irgendwann wird es zur Routine – es ist wie eine Rolle, die ich spiele. Aber ich hoffe eigentlich nur auf einen Tag, an dem niemand mehr auf eine Show hereinfällt, sondern wir eine echte Chance bekommen.“

Ein Appell: Verständnis statt Vorurteil

Unsere gemeinsame Recherche macht deutlich: Wir brauchen mehr als Schlagzeilen und vereinfachende Begriffe wie „Bettelmafia“. Was notwendig ist, sind nachhaltige Hilfsprogramme, Bildungsangebote und wirtschaftliche Perspektiven in den Herkunftsregionen.

Die Familien aus Tufano, Cidreag und den vergessenen Dörfern südlich von Bukarest stehlen nicht unser Kleingeld, sondern kämpfen für das Auskommen ihrer Familien, für die Zukunft ihrer Kinder und um ein Leben in Würde – trotz aller Widrigkeiten.

Alltag zwischen zwei Welten

Wir haben Menschen getroffen, die ständig zwischen der Armut in ihrer Heimat und den lebhaften Straßen deutscher Städte unterwegs sind – in einem Balanceakt zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Fast ausschließlich schlafen sie in provisorischen Zeltlagern oder unter Brücken und tragen ihre Last zumeist mit stiller Würde. Sie sind ohne Lobby, ohne Stimme, außerhalb der Fußgängerzonen und Einkaufszentren quasi unsichtbar. Ihre Geschichten verdienen es, gehört und verstanden zu werden.