Ein schwarzes Buch mit goldenen Rosenranken und rotem Buchschnitt steckt in einem offenen Schulrucksack auf einem Schreibtisch, daneben Hefte und ein Lineal, im Licht einer Schreibtischlampe

EIN KLICK ENTFERNT · TEIL 2

Kommentare15. Oktober 20267 Min. Lesezeit

Hübsch verpackt

Dark Romance: Bücher, die sexualisierte Gewalt als Liebesgeschichte erzählen, können auch Jugendliche erreichen. Würden Eltern es merken?

Ein Gastkommentar von Denny Mitrach

Ein Kind, das liest, ist gut versorgt. Das denken viele Eltern. Liegt abends ein Buch auf dem Nachttisch statt eines Handys, schaut kaum jemand genauer hin. Warum auch? Blumen und Ranken auf dem Umschlag, Glanzfolie, oft ein farbiger Buchschnitt. Es sieht aus wie ein Geschenk zum Geburtstag.

Darin geht es, so beschreiben es Leserinnen, um Stalking, Entführung, Vergewaltigung, erzählt als Liebesgeschichte. Das Genre heißt Dark Romance. Diese Bücher liegen nicht in einer dunklen Ecke des Internets, sondern ganz normal im Buchhandel und in Onlineshops.

Ich wäre selbst nie darauf gestoßen. Meine Kollegin Elena, die diese Bücher selbst liest, sagte: Schau dir das mal an. Ich habe mit ihr gesprochen, mit fünf Frauen aus ihrem Buchclub, und mir angesehen, wie diese Bücher verkauft werden. Dabei hat mich vor allem eine Frage begleitet: Würden Eltern merken, was ihre Kinder da lesen? Ich habe nachgesehen.

Video direkt öffnen ↗

Der erste Blick

Elena hat mir eines ihrer Bücher in die Hand gedrückt: „God of Malice“, auf Deutsch mit dem Untertitel „Gefährliche Liebe“. Schwarzer Umschlag, rote Mistelzweige, eine leuchtende Maske. Darüber: „Ich erregte die Aufmerksamkeit eines Monsters!“

Wer das Buch umdreht, liest auf der Klappe: „Er ist ein Raubtier und ich bin seine Beute. … Er will mich jagen. … Bis er mich hat.“ Auf der Rückseite, in roter Glanzfolie, ein Dialog: „Soll ich wieder auf die Knie gehen?“ – „Vorzugsweise.“ Auf der hinteren Klappe der TikTok-Account der Autorin.

Eine Altersangabe steht nirgends auf dem Buch. Wer als Vater oder Mutter nur einen Blick darauf wirft, sieht einen düsteren Liebesroman. Mehr nicht.

Der zweite Blick

Also aufschlagen. Die Widmung: „Dieses Buch ist für all diejenigen, deren Typ ein kompromissloser Schurke ist.“ Eine Seite später warnt die Autorin selbst. Ihre Hauptfigur sei „ein echter Psychopath“. Im Buch kämen Suizidgedanken vor und „nicht-einvernehmliche sexuelle Handlungen“. Und dann: „Ich vertraue darauf, dass ihr wisst, was ihr vertragen könnt.“

Ein Alter nennt sie nicht.

Auf ihrer Website wird sie deutlicher. Dort warnt sie zu diesem Buch vor „Non-con“, also nicht-einvernehmlichem Sex, und vor fragwürdigem Einvernehmen. Die männliche Hauptfigur, um die sich die Liebesgeschichte dreht, habe eine diagnostizierte antisoziale Persönlichkeitsstörung. Auch dort: kein Alter.

Ganz anders klingt dieselbe Figur vorne im Buch, auf der Impressumsseite. Das Buch hat in Deutschland zwei Verlage. Der dp Verlag aus Stuttgart hält die deutschen Rechte und bringt es als E-Book heraus, die gedruckte Ausgabe erscheint bei VAJONA. Im Impressum steht auch, wie der dp Verlag das Buch beschreibt: „Eine Dark College Romance mit einem moralisch fragwürdigen Anti-Helden, der für seine Liebe alles tut“.

Düstere Bücher gab es schon immer, den gefährlichen Liebhaber auch. Neu ist nicht der Stoff, sondern die Verpackung: hübsch gestaltet und gewidmet denen, deren Typ ein „kompromissloser Schurke“ ist.

Eine Warnung, die verspricht, das Buch sei „nichts für Leute mit schwachen Nerven“, schreckt, glaube ich, keine 14-Jährige ab. Sie fordert sie heraus. Wer weiterliest, hat sich getraut. Die Verantwortung liegt damit bei der Leserin, abgegeben mit einem einzigen Satz. Ob sie 30 ist oder 14, fragt dieser Satz nicht.

Diese Warnung erreicht nur, wer das Buch aufschlägt. Eltern, die nur einen Blick auf den Nachttisch werfen, erreicht sie nicht.

Der dritte Blick

Gut, denkt man, dann schaue ich eben nach, ab wie viel Jahren das Buch ist. Für Bücher gibt es keine FSK. Verlage können freiwillig eine Altersempfehlung angeben. Was davon ankommt, habe ich mit Screenshots festgehalten.

In den Daten, die der Verlag an den Buchhandel liefert, steht am Ende des Klappentexts: „Leseempfehlung: ab 18 Jahre“. Auf dem gedruckten Buch fehlt genau dieser Satz. Beim Onlineshop preigu, wo das Buch in der Kategorie „BookTok“ steht, heißt es „Empfohlen (von): 18“. Bei ebook.de steht nichts. Bei Thalia, Deutschlands größter Buchhandelskette, steht das Buch in der Kategorie „Erotikromane“ mit der Angabe „Altersempfehlung 1 - 5 Jahr(e)“ (Stand: 11. Oktober), sehr wahrscheinlich ein Datenfehler. Im August 2025 gab es dort noch gar keine Altersangabe. Eine Buchhandlung in Basel in der Schweiz führte das Buch am 5. Oktober online unter „Lesespass Jugend“. Und auf der Shopseite von VAJONA, dem Verlag der gedruckten Ausgabe, fehlt eine Altersangabe ganz. Thalia und VAJONA ließen eine Anfrage von amepres.online dazu unbeantwortet.

Ein Buch, vier AntwortenAltersangaben zu „God of Malice – Gefährliche Liebe“ an sieben Stellen: Auf dem gedruckten Buch, bei ebook.de und auf der Shopseite von VAJONA keine Angabe. Verlagsdaten für den Handel: ab 18. preigu: 18. Thalia: 1 bis 5 Jahre. Eine Buchhandlung in Basel: Lesespass Jugend. Stand 3. bis 11. Oktober 2026. Ein Buch, vier Antworten Ab welchem Alter ist „God of Malice – Gefährliche Liebe“? Das gedruckte BuchExemplar von Elena keine Angabe Verlagsdaten für den Handelbuchhandel.de / VLB, 3. bis 5. Oktober ab 18 preigu, Kategorie „BookTok“Onlineshop, 3. bis 5. Oktober 18 ebook.deOnlineshop, 3. bis 5. Oktober keine Angabe Thalia, Kategorie „Erotikromane“Onlineshop, 11. Oktober 1 bis 5 Jahre Buchhandlung in BaselOnlineshop, 5. Oktober „Lesespass Jugend“ Shopseite von VAJONAVerlag der gedruckten Ausgabe, 9. Oktober keine Angabe ab 18Kinder oder Jugendkeine Angabe

Quelle: eigene Recherche, Produktseiten und Buch per Screenshot gesichert, Stand 3. bis 11. Oktober 2026. Die Thalia-Angabe ist sehr wahrscheinlich ein Datenfehler. Thalia und VAJONA ließen eine Anfrage dazu unbeantwortet.

Bei fünf weiteren Dark-Romance-Titeln habe ich die Produktdaten bei Thalia geprüft: keine Altersangabe, auch nicht bei „Revenge – Du sollst flehen“ von S.T. Abby, das seit acht Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste für Taschenbücher steht. Auf Platz 1 dieser Liste steht ein weiterer Band derselben Reihe, „Pain. Du sollst leiden“ (Stand: 11. Oktober). Dass es anders geht, zeigt ausgerechnet einer dieser Titel. Auf den Umschlag von „Lights Out“ druckt der Verlag Everlove selbst: „Unsere Leseempfehlung: ab 18 Jahre“ und „Contentwarnung beachten“. In den Produktdaten des Shops kommt davon nichts an. Ein falsches Feld ist ein Versehen. Ein Buch mit vier verschiedenen Antworten und fünf weitere ohne Angabe in den Shopdaten, und niemandem fällt es auf: Das ist ein Muster.

Im Laden, erzählen mir Leserinnen, liegt Dark Romance oft in einer eigenen Ecke. Online gibt es diese Ecke nicht. Und online wird viel gekauft: 2025 lief laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels gut ein Viertel des gesamten Buchumsatzes, 26,1 Prozent, über den Internetbuchhandel.

Wer sich als Elternteil auf die Altersangabe verlässt, verlässt sich auf Zufall.

Wer mitliest

Erwachsene Leserinnen erkennen, was sie da lesen. Elena hat dem Buch zwei von fünf Sternen gegeben und notiert: „Hochgradig toxisch! … Stockholm-Syndrom, fehlendes Selbstwertgefühl.“ Vier der fünf Frauen aus ihrem Buchclub würden Dark Romance erst ab 18 empfehlen.

Nur ist dieser Buchclub zwischen 22 und 35 Jahre alt. Auf BookTok, sagt Elena, lesen „teilweise schon ab 13 oder 14“ mit. Wie viele Minderjährige es tatsächlich sind, weiß niemand: Belastbare Zahlen dazu habe ich nicht gefunden, und auch die Forschung beklagt die Lücke. Die Medienpsychologin Nicola Döring von der TU Ilmenau schreibt, es fehlten bislang empirische Daten darüber, wie viele und welche Minderjährigen Dark Romance lesen. Gerade deshalb braucht es klare Angaben. Wer Buch und Leben sicher trennen kann, hat das irgendwann gelernt. Eine 13-Jährige steht damit noch am Anfang. Die Frage ist, wer es ihr beibringt.

Und die Eltern?

Man kann jetzt auf den Verlag zeigen, auf den Handel, auf den Staat. Das tue ich auch. Aber es reicht nicht. Was Kinder lesen, entscheiden die Eltern, nicht der Staat. Nur: Wer entscheiden will, muss wissen, worüber.

Drei Blicke, und keiner hat mir eindeutig gesagt, für wen dieses Buch gedacht ist. Den vierten Blick kann Eltern niemand abnehmen: den ins Gespräch. Das heißt nicht, Bücher wegzunehmen. Es heißt, zu wissen, was das eigene Kind liest, und es danach zu fragen. Zum Beispiel: Warum ist der Mann, der ihr nachstellt, auf einmal romantisch? Wer so fragt, muss die Antwort nicht kennen, nur zuhören.

Was ich mir wünsche

Kein Verbot. Aber eine Altersangabe, die überall gleich lautet, und eine Warnung, die man sieht, bevor man bezahlt, nicht erst im Buch. Das nimmt niemandem etwas weg. Es gibt Eltern das Werkzeug, selbst zu entscheiden.

Bis dahin gilt: Ein Kind, das liest, ist gut versorgt. Wenn jemand mit ihm darüber redet, was es liest.

Bei Büchern gibt es wenigstens eine Warnung, wenn auch an der falschen Stelle. Im nächsten Teil geht es um eine Tür, die sich mit einem einzigen Klick öffnet.

Hilfe, kostenlos und anonym: Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen 116 016 (rund um die Uhr) · Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch 0800 22 55 530 · Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche 116 111, für Eltern 0800 111 0 550.

So habe ich recherchiert: Buch „God of Malice – Gefährliche Liebe“ (Rina Kent, VAJONA 2024, ISBN 978-3-98718-359-1), Elenas Exemplar, mit Fotos. Händlerseiten (Thalia, buchhandel.de/VLB, preigu, ebook.de, Bider & Tanner) am 3. bis 5. Oktober 2026, Thalia erneut am 11. Oktober 2026, SPIEGEL-Bestsellerliste Taschenbuch auf spiegel.de am 11. Oktober 2026, archivierte Thalia-Seite vom 11. August 2025 (Wayback Machine), Verlagsseite vajona.de am 9. Oktober 2026, Inhaltswarnungen auf rinakent.com am 10. Oktober 2026, jeweils per Screenshot mit Datum und Uhrzeit gesichert. Forschungsstand: N. Döring, „Dark-Romance-Bücher zwischen Leselust und Moralpanik“, merz | medien + erziehung 2025/3; H. Khan, „Darkness in Roses“, Working Paper, Zenodo 2026. Marktzahlen: Börsenverein des Deutschen Buchhandels, „Buchmarkt kompakt 2025/2026“ (Vertriebswege, geschätzte Umsätze 2025). Gespräche mit Elena (Vorname auf eigenen Wunsch) und fünf Leserinnen aus ihrem Buchclub (anonym, freigegeben). Stellungnahmen: Thalia und VAJONA wurden von amepres.online schriftlich um Stellungnahme gebeten und haben bis Redaktionsschluss nicht geantwortet. Bei Recherche und Textarbeit habe ich KI-Werkzeuge genutzt; jede Tatsache habe ich an der Originalquelle geprüft.