Ein leuchtendes Smartphone liegt nachts auf einer Kinderbettdecke mit Sternen, daneben ein Teddybär, am Fenster fällt ein Streifen Morgenlicht herein
Kommentare03. Oktober 20267 Min. Lesezeit

Ein Klick entfernt

Drei Tage lang hat sich Denny Mitrach durch Gewaltvideos geklickt. Mehr als jedes einzelne Bild erschreckte ihn danach die eigene Gleichgültigkeit. Ein Kommentar über Abstumpfung, über Plattformen, die Gewalt ungefragt ausspielen, und über Kinder, die dabei zusehen.

Hinweis: Dieser Kommentar beschreibt reale Gewalttaten in deutlichen Worten, darunter die Tötung einer Frau.

Ein Gastkommentar von Denny Mitrach

Drei Tage lang habe ich mich durch Seiten wie USACrime.com geklickt. Ich habe gezielt danach gesucht, das will ich offen sagen. Danach blieb vor allem ein Gedanke hängen: Die Welt kann ein wirklich schrecklicher Ort sein. Nicht wegen Naturkatastrophen oder Zufällen, sondern durch das, was Menschen einander antun. Und durch das, was danach folgt: Rache, Wut, neue Gewalt. Eine Tat zieht die nächste nach sich, und man schaut dabei zu wie bei einer Kettenreaktion.

Ich halte mich selbst für ziemlich abgestumpft. Traumatisiert bin ich nicht, eher fassungslos. Meine Freundin sagt, die Welt sei ein dunkler Ort. Das stimmt, trifft es aber nur ansatzweise. Eine Grenze habe ich trotzdem gefunden: Videos, in denen Menschen Tiere quälen, konnte ich nicht ansehen. Die lassen mich nicht los. Wo ich oft hingeschaut habe, bin ich stumpf geworden. Wo ich nie hingeschaut habe, trifft es mich mit voller Wucht.

Begleitvideo (90 Sekunden): „Wie oft muss man Gewalt sehen, bis sie nicht mehr schockt?“ – Was die Forschung über Gewöhnung an Gewaltbilder weiß. Video: Denny Mitrach.
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Das eigentliche Problem ist aber nicht, was ich gesucht habe. Es ist das, was Plattformen ausspielen, ohne dass man danach sucht. Im Februar 2025 berichteten zahlreiche Nutzerinnen und Nutzer, dass Instagram ihnen plötzlich Prügel- und Tötungsvideos in die Reels spülte, obwohl die Plattform sie selbst als „sensibel“ markiert hatte. Meta entschuldigte sich für einen „Fehler“. Eine Ursache nannte der Konzern nicht.

Diese Plattformen werden nicht nur von Erwachsenen genutzt. Instagram ist offiziell ab 13 Jahren erlaubt. Geprüft wird das kaum: Wer jünger ist, tippt ein falsches Geburtsdatum ein und ist drin. Die EU-Kommission schätzt, dass etwa jedes zehnte Kind unter 13 trotzdem dabei ist. Meta sagt, man erkenne und lösche solche Konten. Brüssel sieht das anders und wirft dem Konzern seit April 2026 vorläufig einen Verstoß gegen das Gesetz über digitale Dienste vor.

Und ich bin mit meiner Abstumpfung nicht allein. In der JIMplus-Studie 2026 sagen 36 Prozent der 14- bis 17-Jährigen, die auf Social Media problematischen Inhalten begegnet sind, sie hätten sich an viele dieser Inhalte gewöhnt. 58 Prozent scrollen einfach weiter, nur gut ein Viertel meldet solche Inhalte der Plattform. Kinder, die noch lernen, was normal ist, lernen hier vor allem eins: dass Gewalt normal ist.

Weiterscrollen statt meldenVon 100 Jugendlichen, die problematischen Inhalten begegnet sind, scrollen 58 meist einfach weiter. 26 melden die Inhalte der Plattform. 58 26 von 100scrollen weiter von 100melden

Quelle: JIMplus 2026, Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, S. 31. Basis: 14- bis 17-Jährige, die auf Social Media problematischen Inhalten begegnet sind (n = 701).

Was ich in diesen drei Tagen gesehen habe, nimmt kein Ende. Schlägereien auf offener Straße. Messerangriffe in Hausfluren. Menschen, die vor laufender Kamera hingerichtet werden. Aus allen Teilen der Welt. Manches geschieht im Verborgenen, in Hinterhöfen und irgendwo im Dschungel. Anderes passiert am helllichten Tag, mitten auf der Straße, vor aller Augen. Ein Clip folgt auf den nächsten. Und am Ende dieser drei Tage stand eine Erkenntnis, die mich mehr erschreckt als jedes einzelne Video: Das Wort „Enthauptung“ berührt mich nicht mehr. Die Tat dahinter auch nicht.

Eines dieser Videos lässt mich bis heute nicht los. Es stammt aus der Überwachungskamera eines Motels in Bucaramanga, Kolumbien. Am 2. Januar 2024 sticht dort ein rund 60-jähriger Mann immer wieder auf eine etwa 40-jährige Venezolanerin ein. Dann liegt sie am Boden. In einer Lache ihres eigenen Blutes. Ihr Körper zuckt. Sie kämpft um ihr Leben.

Und daneben steht ein Mann und spricht mit dem Täter. Ruhig. Fast so, als ginge es um eine Kleinigkeit. Es ist diese Ruhe, die mich mehr verstört als alles andere. Ob es Schock war, Hilflosigkeit oder Gewöhnung, kann ich aus einem kurzen Clip nicht beurteilen. Am Ende rief ein Zeuge die Polizei, und der Täter wurde in der Nähe des Tatorts festgenommen. Die Frau starb noch am Tatort. Die Sanitäter konnten nichts mehr für sie tun.

Und dann sind da die, die danebenstehen und das Handy zücken. Immer wieder sehe ich in diesen Videos Menschen, die filmen oder live gehen, während vor ihnen jemand um sein Leben kämpft. Dabei ist jedes Opfer ein Vater, eine Mutter, ein Sohn, eine Schwester. Jeder hat jemanden.

Ein Foto aus Bordeaux zeigt das auf seine Art: Bei einer Schülerblockade am 29. September 2026 explodiert beim Löschen einer brennenden Barrikade eine Spraydose im Feuer. Ein Feuerwehrmann steht für Sekunden in Flammen. Er erlitt Verbrennungen an den Beinen, Kollegen brachten ihn ins Krankenhaus, am Nachmittag war er zurück auf der Wache. Was mich an dem Bild nicht loslässt, ist der Hintergrund: eine Wand aus Jugendlichen, fast alle mit dem Handy in der Hand.

Ich glaube nicht, dass Videos allein Täter machen. Elternhaus, Erziehung, Lebensumstände: Wir alle sind ein Produkt unserer Umgebung. Meine Befürchtung ist aber: Wer ohnehin wenig Halt hat und jeden Tag sieht, wie beiläufig Menschen erstochen, verprügelt oder vergewaltigt werden, verliert irgendwann eine wichtige Bremse. Beweisen kann ich das nicht, und die Forschung dazu ist sich nicht einig. Aber was früher unvorstellbar war, wird so zumindest vorstellbar.

Was die Forschung zeigtVier Studien belegen Abstumpfung durch wiederholte Gewaltbilder: Carnagey 2007 (ruhigerer Puls), Kelly 2007 (schwächere Hirnreaktion), Bushman 2009 (späteres Helfen), Fanti 2009 (Gewöhnung in kurzer Zeit). Ob daraus Gewalttaten werden, ist offen: Kühn 2019 fand nach zwei Monaten Gewaltspiel keine höhere Aggression, die APA 2020 einen kleinen Zusammenhang mit Aggression, aber keinen belegten mit Gewalttaten.AbstumpfungBELEGTCarnagey2007Kelly2007Bushman2009Fanti2009Kühn2019APA2020?Gewalttatnicht belegt

Quellen: Carnagey, Anderson, Bushman 2007; Kelly, Grinband, Hirsch 2007; Bushman, Anderson 2009; Fanti u. a. 2009; Kühn u. a. 2019; American Psychological Association 2020. Einzelnachweise im Quellenverzeichnis.

Diese Abstumpfung ist kein harmloser Nebeneffekt. Gewalt wird zum Clip unter vielen, kurz bevor das nächste Tanzvideo kommt. Und genau so verschieben sich Grenzen, langsam und fast unbemerkt.

Dabei gibt es die Regeln längst: Instagram ab 13, Teen-Konten mit Schutzfiltern. Das Problem ist, dass sie nicht greifen. Ich will kein Internet, das alles verbietet. Ich will, dass die bestehenden Regeln durchgesetzt werden: eine echte Altersprüfung statt eines Geburtsdatums, das jedes Kind fälschen kann, Filter, die funktionieren, und schnelles Löschen. Und ich wünsche mir, dass wir als Eltern, Freunde und Gesellschaft öfter hinschauen, was Kinder da eigentlich konsumieren.

Nach diesen drei Tagen habe ich Angst um die Kinder, die heute da draußen aufwachsen. Sie sind unsere Zukunft. Und manchmal frage ich mich, was aus ihnen werden soll. Dann denke ich an einen Satz aus dem Johannesevangelium: „Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.“ Die Dunkelheit ist da, ich habe sie gesehen. Aber sie hat nicht gewonnen. Noch liegt es an uns Erwachsenen, wie hell es für diese Kinder wird.

Quellen

Alle Quellen abgerufen am 3. Oktober 2026.

Gewaltvideos in Instagram-Reels (Februar 2025)

Altersgrenze und EU-Verfahren gegen Meta

Gewöhnung bei Jugendlichen

Femizid in Bucaramanga, Kolumbien (2.1.2024)

Feuerwehrmann in Bordeaux (29.9.2026)

Forschung zu Mediengewalt

  • American Psychological Association: APA Task Force Report on Violent Video Games (Oktober 2019, veröffentlicht März 2020), apa.org. Kernaussage: kleiner, verlässlicher Zusammenhang mit aggressivem Verhalten; der Zusammenhang mit Gewalttaten ist unklar und kaum erforscht.
  • American Psychological Association, März 2020: „APA reaffirms position on violent video games and violent behavior“

Studien im Begleitvideo

Bibelzitat