Andreas Gabalier ist kein Problem – aber Fetenkönig alter Narrative
Freier Artikel | CC BY-SA 4.0 | AMEPRESS – Jürgen Dirrigl
Andreas Gabalier, selbsternannter „Volks-Rock’n’Roller“, füllt Stadien mit Jodel-Rock, löst aber zugleich eine Dauerfrage aus: Ist das bloß volkstümliche Nostalgie oder ein rechtes Resonanzfeld? Medienberichte verweisen seit Jahren auf homophobe Anspielungen, traditionalistische Frauenbilder und ein „Spiel mit faschistischen Symbolen“ – Vorwürfe, die Gabalier weit von sich weist.
Heimatkitsch als Leitmotiv
Seine Texte feiern eine entschleunigte Alpen-Idylle: In „Steirerland“ heißt es dialektal „Do wo die Dirndl no amoi im Dirndl tonzn gehen / Und die Buam no in da Ledahosn stehn“, gefolgt vom Refrain „Jo jo des Steiralond des is mei Heimatlond“.
Der später entstandene Song „Kleine steile heile Welt“ ergänzt das Tableau („Nix is mehr Daham als a Schnitzel aus der Pfann … In an christlichen Land hängt a Kreuz an der Wand“).
Beides skizziert ein ländlich-katholisches Ideal, in dem Essen, Tracht und Glaube verschmelzen – eine Deutung von Heimat, die kaum Platz für Pluralität lässt.
(***alle zitierten Songs am Ende des Artikels als Youtube-Link***)
Lautstarke Meinung oder stiller Populismus
In A Meinung haben fragt Gabalier: „Ist des der Sinn von Demokratie? / Dass ana redt und de andern schweigen“ und fordert, „Haban a Meinung, stehn dahinter“. Die Zeilen bedienen das Narrativ einer angeblich mundtot gemachten Mehrheit, ein Topos, der auch in rechtspopulistischen Reden beliebt ist.
Tradierte Geschlechterrollen – Mann bleibt Mann, Frau bleibt Dirndl
Dasselbe Idyll erhält durch wiederkehrende Dirndl-Lederhosen-Bilder und Zeilen wie „Völlig verbissen, schon fast verkrampft emanzipiert“ (aus Mein Großvater hat gesagt) einen klar binären Rahmen: Frauen sollen „fesche Dirndaln“ sein, Männer kernige „Buam“. Kritiker sehen darin einen „reaktionären Kitsch“ mit Anschluss an ältere Soldaten- und Heimatfilmrhetorik.

Was sagt die Forschung
Musikwissenschaftler attestieren Gabalier ein „Herstellen von Codes“, bei denen Begriffe wie „Kameraden“ oder das „Eiserne Kreuz“ bewusst an populistische Traditionen anknüpfen; andere bezeichnen ihn als einen „Meister der Andeutungen“, der eine „Resonanzkammer für rechte Ideen“ öffne, ohne platt Partei zu ergreifen.
Beide Positionen betonen, dass gerade die Unschärfe – Kitsch mit Ironie-Schleife – den Reiz für ein rechtskonservatives Publikum ausmacht.
Zwischen Jodelheimat und Haltung – Warum nicht alle mitsingen wollen
2018 schrieb die Rock-Band Krautschädl einen sarkastischen offenen Brief, in dem sie Gabaliers „Schnitzel-Patriotismus“ kritisierte und ein inklusives Heimatverständnis einforderte: „Heimat bedeutet für uns Brüderlichkeit, Gleichheit und Solidarität.“ Damit stellten sie einem kulturell verengten Heimatbild eine weltoffene, soziale und diskriminierungsfreie Vorstellung entgegen. Besonders Aufmerksamkeit erregte die Zeile: „Gott ist tot. Adolf ist tot. Ja, sogar Peter Alexander ist tot.“ – eine ironisch-pointierte Abrechnung mit nostalgischem Denken. In diesem Dreiklang stehen Nietzsche, Hitler und der Schlagerstar sinnbildlich für überkommene religiöse Weltdeutung, völkisch-nationalistisches Denken und idealisierte Heimatfilm-Ästhetik. Die Botschaft: Die Welt hat sich verändert – wer heute von Heimat spricht, muss sie neu denken. Die provokante Polemik rief einen Online-Shitstorm hervor, machte aber deutlich, dass auch Musiker den Begriff Heimat nicht kampflos rechter oder ausgrenzender Vereinnahmung überlassen wollen.
Wichtig zur Einordnung
Trotz zahlreicher Interpretationen, die Gabaliers Texte als konservativ bis anschlussfähig an rechte Diskurse einordnen, gibt es keine nachweislich völkischen Aussagen in seinen Liedern oder Interviews. Auch auf seinen Konzerten sind keinerlei rechtsextreme Symbole oder Zwischenfälle dokumentiert – weder Reichsflaggen noch NS-Codes noch organisierte rechte Gruppen. Einzelne Vorfälle, etwa ein rechtes Rocker-T-Shirt eines Gitarristen oder Diskussionen um ein Albumcover, wurden öffentlich thematisiert und klar zurückgewiesen. Weder Polizei noch Veranstalter bestätigten jemals entsprechende Vorwürfe. Gabaliers Management distanzierte sich mehrfach von jeglicher Form rechtsextremer Vereinnahmung. Der Künstler selbst erklärte öffentlich: „Das Thema Rechts lasse ich nicht gelten.“
Eines muss jedoch klar bleiben
Aus den untersuchten Liedern lässt sich kein geschlossenes extrem-rechtes Programm destillieren, wohl aber ein Arsenal an Symbolen – Tracht, Kreuz, Schnitzel, Kameradschaft –, die in Österreich und Deutschland historisch mit konservativen bis völkischen Diskursen aufgeladen sind. Gabaliers Kunstfreiheit schützt diese Ästhetik; zugleich erklärt sie die anhaltende Kontroverse: Wer Heimat ausschließlich über Berge, Lederhosen und „Holzscheitelknien“ erzählt, liefert Projektionsflächen, die über harmlose Folklore hinausweisen. Ob man darin harmlose Tradition oder politisches Signal sieht, entscheidet weniger der Text allein als der gesellschaftliche Resonanzraum, in dem er erklingt.
Bei aller berechtigten Analyse sollte aber auch nicht übersehen werden, dass Andreas Gabalier für viele Menschen schlicht Lebensfreude, Identifikation und Gemeinschaftsgefühl bedeutet. Seine Fans feiern ihn nicht wegen politischer Subtexte, sondern wegen seiner Energie, seiner Nähe zum Publikum und der Lust am Mitsingen, Tanzen und Durchatmen. Wer die politische Deutung überdehnt, läuft Gefahr, das Wesentliche aus dem Blick zu verlieren: Gabalier bewegt sich im Rahmen des gesellschaftlich Zulässigen, seine Konzerte sind friedlich, emotional und verbindend. Man muss seine Welt nicht teilen, um anzuerkennen, dass sie für Hunderttausende einen Raum bietet, in deren Empfinden Heimat halt „ganz unbeschwert“ klingen darf.